Gottesfurcht

Ist der Angang der Erkenntnis


- Das vierta Buch Esra - 

Kapitel 3

Im dreißigsten Jahre nach dem Untergange der Stadt verweilte ich Salathiel in Babel, und als ich einmal auf meinem Bette lag, geriet ich in Bestürzung, und meine Gedanken gingen mir zu Herzen, weil ich Zion verwüstet, Babels Bewohner aber im Überfluß sah. Da ward mein Gemüt heftig erregt, und in meiner Angst[7] begann ich, zum Höchsten zu reden.

Das Problem: Woher kommt die Sünde und das Elend dieser Welt?

Ich sprach: Allmächtiger Gott, bist du es nicht, der im Anfang, als du die Erde bildetest, gesprochen, du ganz allein, und dem Staube befohlen hast, daß er dir Adam hervorbrachte als leblosen Körper; aber auch der war ein Gebilde deiner Hände. Du hauchtest ihm den Odem des Lebens ein, daß er vor dir lebendig ward. Dann führtest du ihn ins Paradies, das deine Rechte gepflanzt hatte, ehe die Erde ward, und legtest ihm ein einziges Gebot von dir auf; er aber übertrat es. Allsobald verordnetest du über ihn den Tod, wie über seine Nachkommen. — Aus ihm wurden geboren Völker und Stämme, Nationen und Geschlechter ohne Zahl. Aber jedes Geschlecht wandelte nach seinem eigenen Willen; sie handelten gottlos vor dir und fielen ab: du aber hast sie nicht gehindert! Wiederum aber, als die Zeit gekommen, brachtest du die Sintflut über ’die Erde und die Bewohner der Welt und vertilgtest sie; über sie alle kam der Untergang mit einem Male. Wie über Adam der Tod, so kam über sie die Flut. — Einen aber von ihnen hast du verschont, Noah samt seinem Hause, alle Frommen, die von ihm stammten. Als nun die Erdenbewohner sich zu mehren begannen und viele Kinder, ja Völker und zahlreiche Geschlechter erzeugten, da begannen sie wiederum gottlos zu handeln, mehr als die Geschlechter vor ihnen. Als sie nun so böse vor dir lebten, erwähltest du dir Einen von ihnen; der hieß Abraham. Den hattest du lieb und offenbartest ihm allein das Ende der Zeiten, im Geheimen bei Nacht; du schlossest mit ihm einen ewigen Bund und versprachst ihm, seinen Samen niemals zu verlassen. Du schenktest ihm Isaak, Isaak aber schenktest du Jakob und Esau. Und du erkorst dir Isaak, Esau aber verschmähtest du. Und Jakob wurde zu einem großen Heer. — Als du aber seinen Samen aus Ägypten führtest und sie an den Berg Sinai brachtest, 

da neigtest du die Himmel, 

’bewegtest‘ die Erde

und erschüttertest den Weltkreis,

daß die Tiefen erbebten

und ’die Zeitalter‘ erschraken.

Dann ging deine Herrlichkeit durch die vier Thore, des Feuers, Erdbebens, Sturms und Hagels, 

um dem Samen Jakobs Gesetz zu geben 

und dem Geschlechte Israels Gebot.

Aber du nahmst das böse Herz nicht von ihnen, daß dein Gesetz in ihnen Frucht trüge. Denn um seines bösen Herzens willen geriet der erste Adam in Sünde und Schuld, und ebenso alle, die von ihm geboren sind. So ward die Krankheit dauernd: das Gesetz war zwar im Herzen des Volks, aber zusammen mit dem schlimmen Keime. So schwand, was gut ist; aber das Böse blieb. — Als aber die Zeiten um waren und die Jahre zu Ende, da erwecktest du dir einen Knecht Namens David. Du befahlst ihm, die Stadt, die nach dir heißt, zu bauen und dir darinnen von deinem Eigentum Opfer zu bringen; und so geschah es lange Jahre. — Die Bürger der Stadt aber sündigten und handelten in Allem wie Adam und alle seine Nachkommen, denn sie hatten ja selber das böse Herz. Da gabst du deine Stadt deinen Feinden preis. Damals aber sprach ich bei mir: Handeln etwa Babels Bewohner besser? Hat er deshalb Zion ’verworfen‘? — Als ich dann hierher kam und die Gottlosigkeiten ohne Zahl sah, und meine Seele viele sündigen sah, nun schon dreißig Jahre, da entsetzte sich mein Herz; denn ich sah, wie du sie, die Sünder, trägst und die Gottlosen ’verschonst‘, wie du dein Volk vernichtet und deine Feinde erhalten hast, und niemand offenbart hast, wie dieser dein Weg geändert werden soll. Hat Babel besser gehandelt als Zion? Hat dich ein anderes Volk erkannt außer Israel? oder welche Stämme haben so deinen Bündnissen geglaubt wie die Jakobs? deren Lohn nicht erschienen, deren Mühsal keine Frucht getragen! Denn ich habe die Völker hin und her durchwandert und sie im Glück gesehen, obwohl sie deine Gebote vergessen hatten. Nun aber wäge unsere Sünden und die der Weltbewohner auf der Wage, daß sich zeige, wohin der Ausschlag des Balkens sich neigt. Oder wann hätten die Bewohner der Welt vor dir nicht gesündigt? oder welches Geschlecht hätte so deine Gebote erfüllt? Einzelne zwar, mit Namen zu nennen, wirst du wohl finden, die deine Gebote gehalten, Völker aber findest du nicht! 


Kapitel 4

Die göttliche Antwort: Gottes Wege sind unerkennbar.

Der menschliche Geist vermag nur Weniges zu erfassen.

Da antwortete mir der Engel, der zu mir gesandt war mit Namen Uriel und sprach zu mir: Dein Herz entsetzt sich über diese Welt, und du wünschest, die Wege des Höchsten zu begreifen? Ich sprach: .Ja ! — Er antwortete mir und sprach: Drei Wege bin ich gesandt, dir zu weisen und drei Gleichnisse dir vorzulegen; kannst du mir eins davon kundthun, so will auch ich dir die Wege, die du zu schauen begehrst, zeigen und dich belehren, woher das böse Herz kommt. Ich sprach: Rede ! — Er sprach zu mir: 

Nun, so wäge mir das Gewicht des Feuers

oder miß mir das Maß des Windes 

oder ruf mir den gestrigen Tag zurück.

Ich erwiderte und sprach: Welchem Weibgeborenen wäre das möglich, daß du mich nach solchen Dingen fragst? — Er sprach zu mir: Hätte ich dich gefragt, 

wieviel Wohnungen im Herzen des Meers seien,

wieviel Quellen am Grunde der Tiefe, 

oder wieviel Wege über der Veste,

’wo die Thore des Hades seien,

oder wo der Weg gehe ins Paradies‘,

so hättest du mir vielleicht geantwortet: 

in die Tiefe bin ich nicht hinabgestiegen,

noch in den Hades bisher ’gedrungen‘, 

noch bin ich je in den Himmel hinaufgekommen,

’noch hab’ ich das Paradies gesehen‘.

Nun habe ich dich nur über das Feuer, den Wind und den ’gestrigen‘Tag gefragt, alles Dinge, ohne die du nicht sein kannst; und du hast mir darüber keine Antwort gegeben! — Und er sprach weiter zu mir: Du kannst, was dein ist, was mit dir verwachsen ist, nicht erkennen, wie wirst du dann das Gefäß sein können, das des Höchsten Walten faßt? ’Denn des Höchsten Wege sind als ewige erschaffen‘; ’du aber, ein sterblicher Mensch, der im vergänglichen Zeitalter lebt, wie kannst du das Ewige begreifen?‘. 

Töricht ist es, Widernatürliches zu begehren. 

Als ich das gehört hatte, fiel ich auf mein Antlitz und sprach zu ihm: Besser wäre es, wir wären nie auf die Welt gekommen, als nun in Sünden zu leben und zu leiden und nicht zu wissen, weshalb! — Er antwortete mir und sprach: ’Einst gingen die Wälder der Bäume des Feldes hin‘und hielten Rat: wohlan, wir wollen hinab gegen das Meer Krieg führen, daß es vor uns zurücktrete und wir uns ’einen neuen Wald‘ schaffen! Ebenso hielten die Wogen des Meeres Rat: wohlan, wir wollen hinauf und den Wald des Feldes bekriegen, damit wir uns auch dort ein neues Gebiet erobern! Aber des Waldes Plan ward vereitelt, denn das Feuer kam und verzehrte ihn; ebenso auch der Plan der Wogen des Meeres, denn der Sand trat hin und hielt sie zurück. Wenn du nun ihr Richter wärest, wem würdest du Recht geben und wem Unrecht? Ich antwortete und sprach: Beide haben eitlen Rat gehalten; denn das Land ist dem Walde gegeben, der Raum des Meeres aber ist bestimmt, seine Wogen zu tragen. Er antwortete mir und sprach: Du hast richtig geurteilt; warum aber hast du dir nicht selbst das Urteil gesprochen? Denn wie das Land dem Walde gegeben ist, und das Meer seinen Wogen, ebenso können die Erdenbewohner nur das Irdische erkennen und nur die Himmlischen das, was in Himmelshöhen ist. 

Aber schmerzlich ist es, das Notwendigste nicht zu wissen.

Ich antwortete und sprach: Allmächtiger, ich flehe dich an, weshalb ist mir dann überhaupt das Licht der Vernunft gegeben? Denn ich wollte dich nicht über Dinge fragen, die uns zu hoch sind, sondern über solche, die uns selber betreffen, jeden Tag aufs Neue: 

’Weshalb‘ ist Israel den Heiden hingegeben zur Schmach, 

dein geliebtes Volk den gottlosen Stämmen?

Das Gesetz unserer Väter ist vernichtet,

die geschriebenen Satzungen sind nicht mehr;

wir schwinden aus der Welt wie Heuschrecken;

unser Leben ist ein Rauch.

Wir [freilich] sind nicht einmal wert, Erbarmung zu erfahren; aber was wird er für seinen Namen thun, der über uns ausgesprochen ist? Das war’s, wonach ich fragte. 

Der kommende Zeitalter giebt die Lösung.

Er antwortete mir und sprach: Wenn du bleiben wirst, wirst du’s schauen; und wenn du lange leben wirst, wirst du erstaunen. Denn das Zeitalter eilt mit Macht zu Ende. 

Warum dieses Zeitalter vorher zu Grunde gehen muß.

Er vermag es ja nicht, die Verheißungen, die den Frommen für die Zukunft gemacht sind, zu ertragen; denn dieses Zeitalter ist voll von Trauer und Ungemach. Denn gesät ist das Böse, wonach du mich fragst, und noch ist seine Ernte nicht erschienen. Ehe das Gesäte also noch nicht geerntet, und die Stätte der bösen Saat nicht verschwunden ist, kann der Acker, da das Gute gesät ist, nicht erscheinen. Denn ein Körnchen bösen Samens war im Anfang in Adams Herzen gesät, aber welche ’Frucht‘ der Sünde hat das bis jetzt getragen und wird weiter tragen, bis daß die Tenne erscheint. Ermiß ’also‘ selber: wenn schon ein Körnchen bösen Samens solche Frucht der Sünde getragen hat —, wenn einst Ähren ’des Guten‘ gesät werden ohne Zahl, welche große Ernte werden die geben! 

Wann soll das geschehen?

Ich antwortete und sprach: Wie lange noch, wann soll das geschehen? Unser Leben ist ’ja‘ so kurz und elend. Er aber antwortete und sprach: Du willst doch nicht mehr eilen als der Höchste? Denn du willst Eile um deiner selbst willen, der Höchste aber für Viele. 

Das Ende kommt, wann die Zahl der Gerechten voll ist.

Diese deine Frage haben schon die Seelen der Gerechten in ihren Kammern gethan; die sprachen: Wie lange ’sollen wir‘ noch ’hier‘ ’bleiben‘?Wann erscheint endlich die Frucht auf der Tenne unseres Lohns? Aber ihnen hat der Erzengel Jeremiel geantwortet und gesprochen: wann die Zahl von Euresgleichen voll ist! 

Denn Er hat auf der Wage das Zeitalter gewogen, 

Er hat die Stunden mit dem Maße gemessen 

und nach der Zahl die Zeiten gezählt.

Er stört sie nicht und weckt sie nicht auf,

bis das angesagte Maß erfüllt ist.

Ich antwortete und sprach: Allmächtiger, mein Gebieter, aber auch wir sind voller Sünden. Wird nicht vielleicht unsertwegen die Tenne der Gerechten aufgehalten, um der Sünden der Erdenbewohner willen? Er antwortete mir und sprach: Geh hin, frage die Schwangere, ob ihr Schoß, wenn ihre neun Monate um sind, noch das Kind bei sich behalten kann? Ich sprach: Gewiß nicht, Allmächtiger. Er sprach zu mir: Die Wohnungen der Seelen im Hades sind dem Mutterschoße gleich; denn wie ein gebärendes Weib der Schmerzen der Geburt möglichst bald sich zu entledigen ’strebt‘, so streben auch sie darnach, möglichst bald das zurückzugeben, was ihnen im Anfang vertraut ist. Dann wird man dir zeigen, was du zu schauen begehrst. 

Das Ende kommt bald.

Ich antwortete und sprach: Wenn ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, wenn es möglich ist, und wenn ich dazu fähig bin, so zeige mir auch dies: ob noch längere Zeit, als schon vergangen ist, uns bevorsteht, oder ob wir bereits das Meiste hinter uns haben? Denn wieviel vergangen ist, weiß ich wohl; aber die Zukunft kenne ich nicht. — Er sprach zu mir: Tritt nach rechts, so will ich dir den Sinn eines Gleichnisses erklären. Als ich nun hintrat, da sah ich, wie ein glühender Ofen an mir vorüberfuhr; und als das Feuer vorüber war, sah ich, wie noch Rauch zurückblieb. Darnach zog eine Wolke, voll Wassers, an mir vorüber; die ließ einen mächtigen Regenguß herab. Als aber der Regenguß vorüber war, blieben noch einzelne Tropfen darin zurück. Da sprach er zu mir: Nun überlege selbst: wie des Regens mehr ist als der Tropfen und des Feuers mehr ist als des Rauchs, so ist das Maß der Vergangenheit bei Weitem größer gewesen; zurück aber sind nur noch geblieben — Tropfen und Rauch. 

Dem Ende gehen folgende Zeichen voraus. 

Ich flehte und sprach: Glaubst du, daß ich leben werde bis zu jenen Tagen? Was wird in jenen Tagen geschehen? — Er antwortete mir und sprach: Die Zeichen, nach denen du fragst, kann ich dir zum Teil sagen; über dein Leben aber dir etwas zu sagen, bin ich nicht gesandt und weiß es selber nicht. 


Kapitel 5

Die Zeichen aber sind: Siehe, Tage kommen, da werden die Erdenbewohner von gewaltigem Schrecken erfaßt,

’das Gebiet‘ der Wahrheit wird verborgen sein,

’und das Land des Glaubens ohne Frucht‘.

Da wird der Ungerechtigkeit viel sein, mehr noch, als du jetzt selber siehst, und als du von früher gehört hast. Das Land aber, das du jetzt herrschen siehst, wird wegelose Wüste sein; man wird es verlassen sehen: fristet dir der Höchste das Leben, so wirst du es nach dreien Zeiten in Verwirrung sehen. 

Da wird plötzlich die Sonne bei Nacht scheinen

und der Mond am Tage. 

Von Bäumen wird Blut träufeln[8];

Steine werden schreien.

Die Völker kommen in Aufruhr,

die ’Ausgänge‘ in Verwirrung;

und zur Herrschaft kommt, den die Erdenbewohner nicht erwarten. Die Vögel wandern aus; das Meer von Sodom bringt Fische hervor und brüllt des Nachts mit einer Stimme, die viele nicht verstehen, aber alle vernehmen. 

An vielen Orten tut sich der Abgrund auf, 

und lange Zeit bricht das Feuer hervor.

Da verlassen die wilden Tiere ihr Revier. Weiber gebären Mißgeburten. Im süßen Wasser findet sich salziges. Freunde bekämpfen einander plötzlich. 

Da verbirgt sich die Vernunft,

und die Weisheit flieht in ihre Kammer; 

viele suchen sie und finden sie nicht.

Der Ungerechtigkeit aber und Zuchtlosigkeit wird viel sein auf Erden. Dann fragt ein Land das andere und spricht: Ist etwa die Gerechtigkeit, die das Rechte thut, durch dich gekommen? und es wird antworten: nein! 

In jener Zeit werden die Menschen hoffen und nicht erlangen,

sich abmühen und nicht zum Ziele kommen. —

Diese Zeichen dir zu sagen, ist mir erlaubt worden; wenn du aber nochmals betest und wie heute weinst und sieben Tage lang fastest, wirst du aufs Neue Dinge erfahren, die größer sind als diese. 

Schluß

Da erwachte ich: mein Leib schauderte gewaltig, und meine Seele ward ohnmächtig vor Ermattung. Aber der Engel, der mir erschienen war, der mit mir sprach, hielt mich fest, stützte mich und stellte mich auf die Füße. 

In der folgenden Nacht aber kam der Fürst des Volkes, Phaltiel, zu mir und sprach zu mir: Wo warst du? Weshalb ist dein Antlitz so verstört? Oder weißt du nicht, daß Israel im Lande seiner Verbannung dir anvertraut ist? Steh also auf, iß ’einen Bissen‘ Brot und laß uns nicht im Stich, dem Hirten gleich, der seine Herde den bösen Wölfen preisgiebt! Ich sprach zu ihm: Verlaß mich und komm vor sieben Tagen nicht wieder; wenn du dann zurückkehrst, ’will ich dir Aufschluß geben‘. Als er dies hörte, verließ er mich. 

Zweites Gesicht. 

So fastete ich sieben Tage unter vielen Klagen und Thränen, wie mir der Engel Uriel geboten hatte. Als aber die sieben Tage um waren, begannen die Gedanken meines Herzens mich mächtig zu bedrängen. Da bekam meine Seele den Geist der Einsicht, und ich begann nochmals vor dem Höchsten Worte zu sprechen: 

Warum hat Gott sein einziges, auserwähltes Volk den Heiden preisgegeben?

Ich sprach: Ach allmächtiger Gott, aus allem Walde der Erde und all seinen Bäumen hast du ’dir‘ den einen Weinstock ’erwählt‘, aus allen Ländern der Welt die eine Pflanzgrube ’ausgesucht‘, aus allen Blumen des Erdkreises die eine Lilie ’erkoren‘, vor allen Tiefen des Meeres hast du Wachstum gegeben dem einen Bach, aus allen Städten, die je gebaut sind, nur Zion dir selber geheiligt, aus allen Vögeln, die du geschaffen, die eine Taube dir berufen, aus allen Tieren, die du gebildet, das eine Schaf ersehen, aus allen Völkern, deren so viel ist, das eine Volk dir erworben und das Gesetz, das du ’unter‘ allen ausgesucht, hast du dem Volke, das du begehrt hast, verliehen. — Jetzt aber, höchstere Gott, weshalb hast du das Eine den Vielen preisgegeben, hast den einen Sproß vor den anderen ’in Schmach gebracht‘ und dein einziges Eigentum unter die Vielen zerstreut? Weshalb haben, die deinen Verheißungen widersprochen haben, die niedertreten dürfen, die deinen Bündnissen geglaubt haben? Ja, wenn du deinem Volk auch gram geworden wärest, so ’hättest du es doch züchtigen müssen‘ mit eigener Hand! 

Dennoch liebt Gott Israel noch immer

Als ich diese Worte gesprochen hatte, ward der Engel zu mir gesandt, der schon in verflossener Nacht zu mir gekommen war. Er sprach zu mir: 

Höre mir zu, so will ich dich lehren; 

merk auf mein Wort, so will ich weiter zu dir sprechen. 

Ich sprach: Rede, Allmächtiger! Er sprach zu mir: Die Sinne vergehen dir über Israels Geschick? Hast du es denn mehr lieb als sein Schöpfer? 

Dies Problem ist für Menschen unlösbar

Ich sprach: Nein, allmächtiger Goot; aber vor Schmerzen habe ich reden müssen; denn jede Stunde aufs Neue blutet mir das Herz, wenn ich die Wege des Höchsten erfassen möchte und seines Gerichtes ’Spruch‘ erspähen! Er sprach zu mir: Das kannst du nicht. Ich sprach: Warum, Goot Israels ? Weshalb ward ich dann geboren? Warum ist meiner Mutter Schoß nicht mein Grab geworden, 

daß ich Jakobs Elend nicht brauchte zu sehen

und die Not des Geschlechtes Israel? —

Er sprach zu mir: 

So nenne mir die Zahl der Zukünftigen,

sammle mir zerstreute Tropfen [des Regens] wieder ein, 

mach vertrocknete Blumen wieder grün,

öffne mir die verschlossenen Kammern

und laß die Winde, die sie enthalten, heraus,

’sage mir, wie Gesichter aussehen, die du nie gesehen hast‘,

oder zeige mir die Gestalt des Tons;

so will ich dir das Rätsel lösen, das du zu schauen begehrst. Ich sprach: Allmächtiger, mein Gebieter, wer könnte sich auf dergleichen verstehen, außer denen, die nicht unter Menschen wohnen? Ich aber habe nicht Wissen ’noch Macht‘; wie könnte ich solche Fragen beantworten? Er sprach zu mir: So wenig du von alledem, was ich nannte, auch nur Eines zu thun vermagst, so wenig vermagst du mein Gericht zu erfassen oder das Ziel der Liebe, die ich meinem Volke zugesagt. 

Über die Stellung der verschiedenen Generationen im göttlichen Weltplan. Gilt Gottes Verheißung nur dem letzten Geschlecht? 

Ich sprach: Ach, aber allmächtiger Gott, dein Segen gilt nur denen, die das Ziel erleben; was sollen aber unsere Vorfahren, wir selbst und unsere Nachkommen thun? Er sprach zu mir: Einem Reigen soll mein Gericht gleich werden; darin sind die Letzten nicht zurück und die Ersten nicht voran. 

Verschiedene, aufeinander folgende Generationen sind in dieser Welt notwendig.

Ich antwortete und sprach: Konntest du nicht alle Geschlechter der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf einmal schaffen, damit dein Gericht um so schneller erscheine? Er antwortete mir und sprach: Die Schöpfung darf dem Schöpfer nicht vorgreifen; auch könnte die Welt alle Geschaffenen auf einmal nicht ertragen. Ich sprach: Wie aber stimmt das zu dem Worte, das du eben zu deinem Knechte gesagt hast, daß du einst die ganze Schöpfung auf einmal zum Leben erwecken würdest? Wenn sie einst alle auf einmal leben werden, und die Schöpfung das ertragen kann, wäre sie doch auch jetzt schon im stande, alle auf einmal zu tragen. Er sprach zu mir: Frage den Mutterschoß und sprich zu ihm: Wenn du zehn Kinder bekommst, warum bekommst du sie, jedes zu seiner Zeit? Fordere ihn auf, zehn auf einmal zu zeugen. Ich sprach: Unmöglich kann er das, sondern nur jedes zu seiner Zeit. Er sprach zu mir: So habe auch ich ’die Erde‘ zum Mutterschoße gemacht für die, die, jedes zu seiner Zeit, von ihr empfangen werden. Denn wie das Kind nicht gebiert, noch die Greisin mehr, so habe ich auch in der Welt, die ich geschaffen, ’ein bestimmtes Nacheinander‘ festgesetzt. 

Die Welt ist alt geworden

Ich fragte ’ihn‘ und sprach: Da du mir nun die Wege gewiesen, so laß mich weiter vor dir sprechen. Ist unsere Mutter, von der du gesprochen, noch jung oder schon dem Alter nahe? Er antwortete mir und sprach: Frage die Gebärerin, die kann dirs sagen; sprich zu ihr: Weshalb sind deine jüngsten Kinder ihren älteren Geschwistern nicht gleich, sondern weniger kräftig? so wird sie selber dir antworten: Anders sind die, die in der Blüte der Kraft erzeugt sind, anders die Kinder des Alters, als der Schoß die Kraft verloren hatte. Nun ermiß du selber, daß ihr weniger kräftig seid als eure Vorfahren; so auch eure Nachkommen weniger kräftig als ihr. Denn die Schöpfung wird schon alt und ist über die Jugendkraft schon hinaus. 

Der jüngste Tag kommt durch Gott allein

Ich sprach: Ach allmächtiger Gott, wenn ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, so zeige deinem Knecht, durch wen du deine Schöpfung heimsuchen wirst. 


Kapitel 6

Er sprach zu mir: Im Anfange der Welt,

ehe des Himmels Pforten standen,

ehe der Winde ’Stöße‘ bliesen; 

ehe der Donner Schall ertönte,

ehe der Blitze Leuchten strahlte;

ehe die Grundlagen des Paradieses gelegt,

ehe ’die Schönheit seiner Blumen‘ zu schauen war;

ehe die Mächte der Bewegung bestellt,

ehe die zahllosen Heere der Engel gesammelt;

ehe die Höhen der Lüfte sich erhoben,

ehe die ’Räume‘ des Himmels Namen trugen;

ehe Zions Schemel bestimmt war,

ehe die Jahre der Gegenwart berechnet;

ehe die Anschläge der Sünder verworfen,

aber, die Schätze des Glaubens sammeln, versiegelt:

damals habe ich dies alles vorbedacht, und durch mich und niemand weiter ward es erschaffen; so auch das Ende durch mich und niemand weiter! 

Die Scheidung der Zeiten

Ich antwortete und sprach: Wie wird die Scheidung der Zeiten geschehen? wann wird das Ende des ersten Zeitalter sein und der Anfang des zweiten? Er sprach zu mir: 

von Abraham bis Abraham.

Denn von ihm stammen Jakob und Esau; die Hand Jakobs aber hielt im Anfang die Ferse Esaus. Die ’Ferse‘ des ersten Zeitalter ist Esau; die ’Hand‘ des zweiten ist Jakob. ’Der Anfang des Menschen ist die Hand, sein Ende die Ferse‘. ’Zwischen Ferse und Hand nichts weiter! — Das überlege, Esra‘! 

Die Zeichen der letzten Zeit und das Ende

Ich antwortete und sprach: Gott Israels, mein Gebieter, wenn ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, so zeige deinem Knecht die letzten deiner Zeichen, von denen du mir in vergangener Nacht einen Teil gezeigt hast. Er antwortete und sprach zu mir: Stelle dich fest auf deine Füße, so wirst du eine gewaltig laute Stimme vernehmen; und wenn der Ort, da du stehst, beim Erschallen dieser Stimme mächtig schwankt, so ängstige dich nicht: denn die Stimme redet vom Ende; die Tiefen der Erde aber werden es verstehen, daß von ihnen selber die Rede ist. Sie werden zittern und schwanken, denn sie wissen, daß an ihnen beim Ende eine Verwandlung geschehen soll. Als ich das vernommen hatte, trat ich fest auf meine Füße und horchte auf: da ertönte eine Stimme, die scholl wie der Schall großer Wasser[28]. 

Die sprach: Siehe, Tage werden sein, 

wann ich komme zu nahen, um heimzusuchen die Erdenbewohner, 

wann ich komme zu rächen ’den Frevel‘ der bösen Frevler,

wann Zions Erniedrigung voll ist

und des Zeitalter, das dahingeht, versiegelt,

da will ich folgende Zeichen geben: Bücher werden aufgethan im Angesichte der Veste, die werden alle auf einmal sehen. Jährige Kinder werden ihre Stimme erheben und reden; Schwangere gebären Frühgeburten im dritten und vierten Monat; die aber bleiben am Leben und laufen umher. Plötzlich werden besäte Felder ohne Frucht erscheinen, und volle Scheuern werden plötzlich leer erfunden. Die Drommete wird laut erschallen; alle Menschen vernehmen sie plötzlich und erbeben. In jener Zeit werden Freunde einander als Feinde bekämpfen, daß die Erde samt ihren Bewohnern sich davor entsetzt. Wasserquellen stehen still und laufen nicht drei Stunden lang. Wer aber überbleibt aus alledem, was ich dir vorausgesagt, der wird gerettet werden und mein Heil und das Ende meiner Welt schauen. Da ’erscheinen‘ die Männer, die einst emporgerafft sind, die den Tod nicht geschmeckt haben seit ihrer Geburt. Dann wird das Herz der Erdenbewohner verändert und zu neuem Geiste verwandelt. 

Dann ist das Böse vertilgt,

und der Trug vernichtet; 

der Glaube in Blüte,

das Verderbnis überwunden;

und die Wahrheit wird offenbar, die so lange Zeit ohne Frucht geblieben ist. 

Schluß

Während er so zu mir sprach, erbebte die Stätte, da ich stand, mehr und mehr. Er aber sprach zu mir: Dies sollte ich dir zeigen, und noch in der nächsten Nacht; wenn du nun weiter flehst und weiter fastest, sieben Tage lang, will ich dir Weiteres, das größer ist als dieses, bei Tage offenbaren. Denn dein Gebet ist beim Höchsten erhört; der Allmächtige hat deine Gerechtigkeit gesehen und die Frömmigkeit, die du von Jugend auf geübt hast, erkannt. Deshalb hat er mich gesandt, um dir dies alles zu offenbaren und dir zu sagen: Fasse Mut, verzage nicht; hege nicht allzu ängstlich eitle Gedanken über diese Zeit, daß du nicht Angst erdulden müssest in der letzten Zeit. 

Drittes Gesicht

Darnach weinte ich aufs Neue und fastete wie früher, sieben Tage lang, daß die drei Wochen, die mir befohlen waren, voll würden. In der achten Nacht aber ward mein Herz aufs Neue in mir bewegt, und ich hob an, vor dem Höchsten zu reden; denn mein Geist geriet gewaltig in Erregung und meine Seele in Angst. 

Warum besitzt Israel nicht jetzt schon die Welt, die ihm gehört?

Ich sprach: Allmächtiger, du hast im Anfange der Schöpfung am ersten Tage gesprochen: es werde Himmel und Erde! und dein Wort hat das Werk vollbracht. Damals war nur schwebender Geist, Finsternis ringsumher und Schweigen; noch war der Klang der Menschenstimme vor dir nicht erschollen. Dann befahlst du, einen Strahl des Lichtes aus deinen Kammern zu holen, daß deine Werke sichtbar würden. — Am zweiten Tage wiederum schufst du den Geist der Veste und befahlst ihm, zu scheiden und Scheidung zu machen zwischen Wassern ’und Wassern‘, daß ein Teil davon nach oben gienge, ein Teil unten verbliebe. — Am dritten Tage gabst du den Wassern Befehl, sich am siebenten Teile der Erde zu sammeln; sechs Siebentel aber legtest du trocken und bestimmtest sie, daß ein Teil davon vor dir bebaut werden sollte, der von Gott selbst besät und bepflanzt war. Kaum war ’aber‘ dein Wort ergangen, so geschah das Werk allsobald: Da entsproßten plötzlich 

Früchte in unendlicher Menge, 

tausendfach verschieden an süßem Geschmack, 

Blumen in mannigfaltigen Farben,

'Bäume von verschiedenartigstem Wuchs‘ 

und Würzkräuter mit wunderbarem Duft.

Dies geschah am dritten Tage. — Am vierten Tage aber befahlst du, daß der Glanz der Sonne werde, das Licht des Mondes und die Ordnung der Sterne, und trugst ihnen auf, dem Menschen, den du bilden wolltest, zu dienen. — Am fünften Tage gebotest du dem siebenten Teil, da das Wasser sich gesammelt hatte, lebendige Wesen hervorzubringen, Vögel und Fische. So geschah es, daß das sprachlose und unbeseelte Wasser nach deinen Befehl beseelte Wesen hervorbrachte, damit die Völker so deine Wunderwerke preisen sollten. Damals hast du dir zwei der Wesen, ’die du geschaffen‘, vorbehalten; das eine nanntest du Behemoth, das andere Leviathan. Du trenntest sie aber voneinander, denn der siebente Teil, wo das Wasser sich gesammelt hatte konnte sie nicht fassen. Du gabst Behemoth zur Wohnung einen der Teile, der am dritten Tage trocken geworden war, dort, wo die tausend Berge sind; dem Leviathan aber gabst du das feuchte Siebentel. Du behieltest sie dir vor, daß sie verzehrt werden sollten, von wem und wann du willst — Am sechsten Tage aber befahlst du der Erde, vor dir Vieh, Wild und Gewürm hervorzubringen; dazu noch den Adam, den du zum Herrn machtest über alle Geschöpfe, die du ’vor ihm‘ geschaffen. Von dem stammen wir alle ab, die du zu deinem Volk erwählt hast. 

Dies Alles habe ich vor dir, Allmächtiger, gesprochen, weil du gesagt hast, daß du um unsertwillen diese erste Welt geschaffen habest, die übrigen Völker aber, die von Adam abstammen, hast du für Nichts erklärt: sie seien dem Speichel gleich; mit dem Tropfen am Eimer hast du ihren Überschwang verglichen. Nun aber, Gott Israels: eben jene Völker, die für Nichts geachtet sind, überwältigen und ’zertreten‘ uns; wir aber, dein Volk, das du deinen Erstgeborenen, deinen einzigen Sohn, deinen Anhänger und Freund genannt hast, wir sind in ihre Hand gegeben! Wenn aber die Welt unsertwegen geschaffen ist, warum haben wir nicht diese unsere Welt im Besitz? Wie lange soll es so bleiben? 


Kapitel 7

Die arge Welt ist der notwendige Durchgang für die kommende gute.

Als ich diese Worte beendet, kam der Engel zu mir, der schon in den früheren Nächten zu mir gesandt war. Der sprach zu mir: Stehe auf, Esra, und höre die Worte, die ich gekommen bin zu dir zu reden. Ich sprach: Rede ! Er sprach zu mir: Es giebt ein Meer, das liegt in der Weite, so daß es sich rings in die Breite erstreckt; der Eingang aber dazu ’liegt‘ in der Enge, so daß er wie ein Fluß aussieht. Wenn ’nun' jemand in das Meer kommen will, es zu besehen oder zu ’befahren‘, wie wird der die Weite erreichen, wenn er nicht vorher die Enge durchschifft hat? — Oder ein anderes Gleichnis: Es giebt eine ’erbaute‘ Stadt, die ist in einer Ebene gelegen und ist alles Guten voll; der Eingang aber dazu ist eng und führt an Abgründen hin, wo rechts Feuer, links tiefes Wasser droht; und nur einen einzigen Pfad giebt es zwischen beiden, zwischen Feuer und Wasser, und dieser Pfad ist so schmal, daß er nur eines Menschen Fußspur fassen kann. Wenn nun jene Stadt jemandem zum Erbteil gegeben wird, wie wird der Erbe sein Erbteil in Besitz nehmen können, wenn er nicht vorher den gefährlichen Weg dahin durchschritten hat? — Ich sprach: Gewiß, Gott Israels! Er sprach zu mir: So ist auch Israels Teil: ihrethalb habe ich zwar das Zeitalter geschaffen; als aber Adam meine Gebote übertrat, ward die Schöpfung gerichtet: Da sind die ’Wege‘ in diesem Zeitalter schmal und traurig und mühselig geworden, ’elend‘ und schlimm, voll von Gefahren und nahe an großen Nöten; die ’Wege‘ des großen Zeitalter aber sind breit und sicher und tragen die Früchte des Lebens. Wenn die Lebenden also in diese Engen und Eitelkeiten nicht eingegangen sind, können sie nicht erlangen, was ihnen aufbewahrt ist.

Warum betrübst du dich also, ’daß‘ du vergänglich bist?

warum erregst du dich, ’daß‘ du sterblich bist? 

Warum nimmst du dir nicht die Zukunft zu Herzen, sondern nur die Gegenwart?

Das Schicksal der Sünder. Das Schicksal der Sünder ist traurig, aber wohlverdient.

Ich antwortete und sprach: Höchster Gott, du hast ja in deinem Gesetze bestimmt, nur die Gerechten würden dies Erbteil bekommen, aber die Gottlosen sollten ins Verderben gehen. So können die Gerechten die Enge wohl ertragen, da sie die Weite hoffen; die Gottlosen aber haben die Enge erduldet und werden die Weite nicht sehen!

Er sprach zu mir:

’Du‘ bist doch kein Richter über Gott

und kein Weiser über den Höchsten?

Mögen lieber die Meisten der Lebenden ins Verderben gehen, als ’daß‘ Gottes Gebot und Vorschrift verachtet werde! Denn Gott hat den Lebenden, sobald sie zum Leben kamen, feierlich erklärt, was sie tun sollten, um das Leben zu erwerben, und was sie halten sollten, um nicht der Strafe zu verfallen. Sie aber waren ungehorsam und widersprachen ihm; 

sie erdachten sich eitle Gedanken und ersannen sich ruchlose Lügen; 

dazu behaupteten sie, daß der Höchste nicht sei, und kümmerten sich um seine Wege nicht; sein Gesetz verachteten sie, seine Bündnisse leugneten sie; seinen Geboten glaubten sie nicht, seine Werke vollbrachten sie nicht. Darum, o Esra, Eitles den Eitlen, Fülle den Vollkommenen!

Das Weltgericht. 

Denn siehe, Tage kommen, wann die Zeichen, die ich dir früher gesagt, eintreffen, da wird die ’unsichtbare‘ Stadt erscheinen und das verborgene Land sich zeigen; 

und jeder, der aus den Plagen, die ich dir vorausgesagt, gerettet ist, der wird meine Wunder schauen. Denn mein Gesandter, wird sich offenbaren samt allen bei ihm und wird den Übergebliebenen Freude geben, 400 Jahre lang. Nach diesen Jahren wird mein Gesandter sterben und alle, die Menschenodem haben. Dann wird sich die Welt zum Schweigen der Urzeit wandeln, sieben Tage lang, wie im Uranfang, so daß niemand überbleibt. Nach sieben Tagen aber wird das Zeitalter, das jetzt schläft, erwachen und die Vergänglichkeit selber vergehen. 

Die Erde giebt wieder, die darinnen ruhen, der Staub ’läßt los‘, die darinnen schlafen, 

die Kammern erstatten die Seelen zurück, die ihnen anvertraut sind. — Der Höchste erscheint auf dem Richterthron:

’dann kommt das Ende‘, 

und das Erbarmen vergeht, 

’das Mitleid ist fern‘, 

die Langmut verschwunden; 

mein Gericht allein wird bleiben, 

die Wahrheit bestehen, 

der Glaube triumphieren;

der Lohn folgt nach, 

die Vergeltung erscheint: 

die guten Thaten erwachen, 

die bösen schlafen nicht mehr. — 

Dann erscheint die Grube der Pein 

und gegenüber der Ort der Erquickung; 

der Ofen der Gehenna wird offenbar 

und gegenüber das Paradies der Seligkeit. 

Da wird der Höchste sprechen zu den Völkern, die erweckt sind: 

Nun schaut und erkennet den, den ihr geleugnet, 

dem ihr nicht gedient, dessen Gebote ihr verachtet! 

Schaut nun hinüber und herüber: 

hier Seligkeit und Erquickung, 

dort Feuer und Pein!

Diese Worte ’wird er‘zu ihnen am Tage des Gerichts sprechen. —

Jener Tag ist so,

daß er Sonne nicht hat, nicht Mond, nicht Sterne, 

nicht Wolken, nicht Donner, nicht Blitz;

nicht Wind, nicht Regen, nicht Nebel;

nicht Dunkel, nicht Abend, nicht Morgen;

nicht Sommer, nicht Frühling, nicht Hitze;

nicht Winter, nicht Eis, nicht Frost; 

nicht Hagel, nicht Wetter, nicht Tau;

nicht Mittag, nicht Nacht, nicht Dämmerung; 

nicht Glanz, nicht Helle, nicht Leuchten,

sondern ganz allein den Glanz der Herrlichkeit des Höchsten, wobei alle das schauen können, was ihnen bestimmt ist. Jener Tag dauert eine Jahrwoche. So ist mein Gericht und seine Ordnung; dir allein habe ich dies kundgethan.

Traurig ist, daß der Geretteten so wenig sind; aber diese Wenigen sind um so kostbarer.

Ich antwortete und sprach: Schon einmal, Höchster, habe ich gesagt und sage nochmals: Selig sind, die in die Welt kommen und deine Gebote halten! Aber worüber ich schon damals flehte: wer ist unter den Lebenden, der nicht gesündigt? wer unter den Weibgeborenen, der nicht deinen Bund gebrochen? Jetzt erkenne ich, daß die zukünftige Welt Wenigen Erquickung bringen ’wird‘, Vielen aber Pein. — Denn erwachsen ist in uns das böse Herz; 

das hat uns diesem entfremdet 

und der Vernichtung nahegebracht; 

’es hat uns des Todes Wege gewiesen‘ 

und des Verderbens Pfade gezeigt 

und uns vom Leben fernegefürhrt;

und dies nicht etwa wenige, nein, fast alle, die geschaffen sind! 

Er antwortete mir und sprach: Höre mir zu, so will ich dich belehren und dich nochmals zurechtweisen. Ebendeshalb hat der Höchste nicht ein Zeitalter geschaffen, sondern zwei. — Nun hast du geklagt, der Gerechten seien nicht viele, sondern wenige; der Gottlosen aber seien viele. So höre dagegen: Nimm an, du besäßest ganz wenige kostbare Steine, würdest du sie dir ’mit Blei und Thon‘ zusammenlegen ? Des Bleis aber und Thones ist viel. Ich sprach: Höchster, wie ginge das? Er sprach zu mir: Und weiter, 

frage auch die Erde, die kann dir’s sagen; 

gib ihr gute Worte, sie wird es dir künden. 

Sprich zu ihr: Du bringst Gold und Silber und Erz hervor, aber auch Eisen, Blei und Thon; Silber aber giebt es mehr als Gold, Erz mehr als Silber, Eisen mehr als Erz, Blei mehr als Eisen, Thon mehr als Blei. So erwäge nun du selber, was kostbar und wertvoll sei: wovon es viel giebt, oder was selten ’vorkommt‘? Ich sprach: Gott Israels, mein Gebieter, das Häufige ist weniger wert, das Seltene ist kostbarer. Er antwortete mir und sprach: Nun schließe aber weiter aus deinen eigenen Gedanken: Wer das Seltene besitzt, hat größere Freude als der, der die Fülle hat. So wird es auch in dem ’Gerichte‘ sein, das ich verheißen: ich will an den Wenigen, die gerettet werden, meine Freude haben – sie sind es ja, die auch schon jetzt meinen Ruhm befestigen, durch die auch schon jetzt mein Name [mit Preis] genannt wird — und will keine Trauer hegen über die Menge derer, die verloren gehn, – sie sind es ja, die auch schon jetzt 

dem Dampfe vergleichbar sind, 

dem Feuer ’ähnlich‘, 

wie Rauch geachtet:

sie haben gebrannt, geglüht, sind erloschen! 

Qual und Verantwortlichkeit der Vernunft. 

Ich antwortete und sprach: O Erde, was hast du gezeugt, wenn die Vernunft aus dem Staub entstanden ist wie jede andere Kreatur! Besser wäre es gewesen, der Staub selber wäre niemals entstanden, daß die Vernunft nicht daraus gekommen wäre. Nun aber wächst die Vernunft mit uns auf, und dadurch leiden wir Pein, daß wir mit Bewußtsein ins Verderben gehen. 

So traure der Menschen Geschlecht, 

die Tiere des Feldes mögen sich freuen! 

Mögen alle Weibgeborenen jammern, 

das Vieh aber und Wild soll frohlocken! 

Ihnen ergeht’s ja viel besser als uns; denn sie haben kein Gericht zu erwarten, sie wissen nichts von einer Pein, noch von einer Seligkeit, die ihnen nach dem Tode verheißen wäre. Wir aber, was nützt es uns, daß wir einst zur Seligkeit kommen können, aber [in Wirklichkeit] in Martern fallen? Denn alle, die geboren sind, 

sind von Gottlosigkeiten ’entstellt‘, 

voll von Sünden, 

mit Schuld beladen.

Und viel besser wäre es für uns, wenn wir nach dem Tode nicht ins Gericht müßten! 

Er antwortete mir und sprach: Ehe der Höchste die Welt schuf, Adam und alle seine Nachkommen, hat er vorher das Gericht, und was zum Gerichte gehört, bereitet. Nun aber lerne aus deinen eigenen Worten. Du sagtest ja: die Vernunft wachse mit euch auf. Ebendeshalb verfallen, die auf Erden weilen, der Pein, weil sie trotz der Vernunft, die sie doch besaßen, gottlos gehandelt, weil sie die Gebote, die sie doch erhalten, nicht beobachtet und das Gesetz, das ihnen doch gegeben, trotzdem sie es empfangen, gebrochen haben. Was werden sie beim Gericht zu sagen vermögen? Was werden sie am jüngsten Tag erwidern können? Lange genug hat doch der Höchste Langmut gehabt mit den Bewohnern der Welt — freilich nicht um ihretwillen, sondern der Zeiten wegen, die er festgesetzt hatte! 

Über die siebenfältige Pein und die siebenfältige Freude des Zwischenzustands.

Ich antwortete und sprach: Wenn ich Gnade vor dir, Gott Israels, gefunden, so zeige deinem Knecht auch dies: ob wir nach unserem Tode, wenn wir unsere Seele zurückgeben müssen, einstweilen in Frieden bewahrt werden, bis jene Zeiten kommen, in denen du die Schöpfung erneuern wirst, oder ob wir sofort der Pein verfallen? Er antwortete mir und sprach: Ich will dir auch dies offenbaren. Du aber vermenge dich nicht selbst mit den Verächtern, noch rechne dich zu denen, die gepeinigt werden. Denn du hast einen Schatz guter Werke, der dir beim Höchsten aufbewahrt bleibt; der soll dir freilich erst am jüngsten Tag offenbar werden. 

Über den Tod aber habe ich dir zu sagen: wenn der entscheidende Spruch von dem Höchsten ergeht, daß der Mensch sterben soll, 

wo sich der Geist vom Körper trennt

und zu dem zurückkehrt, der ihn gegeben hat, 

um zunächst vor der Herrlichkeit des Höchsten anzubeten: hat er nun zu den Verächtern gehört, 

die die Wege des Höchsten nicht bewahrt, 

die sein Gesetz verschmäht 

und die Gottesfürchtigen gehaßt,

solche Seelen gehen nicht in die Ruhekammern ein, sondern müssen sogleich qualvoll umherschweifen, unter ständigem Seufzen und Trauern, in siebenfältiger Pein. 

Die erste Pein ist, daß sie des Höchsten Gesetz verachtet; die zweite, daß sie die wahre Buße zum Leben nicht mehr tun können; die dritte, daß sie den Lohn sehen, der denen aufbewahrt ist, die des Höchsten Zeugnissen geglaubt haben; die vierte, daß sie die Pein schauen, die ihnen selbst für die letzte Zeit ’bevorsteht‘; die fünfte, daß sie sehen, wie Engel die Wohnungen der anderen ’Seelen‘ in tiefem Frieden bewachen; die sechste, daß sie sehen, daß sie schon jetzt in die Pein hinüber müssen; die siebente, schlimmer als alle genannten Martern, 

daß sie vor Scham vergehen, 

’vor Angst‘ sich verzehren 

und vor Furcht erschlaffen,

daß sie die Herrlichkeit des Höchsten schauen müssen, vor dem sie im Leben gesündigt, und von dem sie am jüngsten Tage gerichtet werden sollen! 

Denen aber, die des Höchsten Wege bewahrt haben, gilt diese Ordnung, wenn sie sich trennen dürfen von diesem sterblichen Gefäß. Damals, als sie noch darinnen lebten, haben sie dem Höchsten unter Mühsalen gedient und haben stündlich Gefahren erduldet, um das Gesetz dessen, der es gegeben, vollkommen zu halten. Deshalb gilt ihnen diese Verheißung: Zuerst schauen sie mit lautem Frohlocken die Herrlichkeit dessen, der sie zu sich nimmt; dann gehen sie in die Ruhe ein zu siebenfacher Freude. Die erste Freude ist, daß sie in schwerem Streite gekämpft haben, den ihnen anerschaffenen bösen Sinn zu besiegen, daß er sie nicht vom Leben zum Tode verführe; die zweite, daß sie die wirren Wege schauen, auf denen die Seelen der Gottlosen umherirren müssen, und die Strafe, die ’jener‘ harrt. Die dritte, daß sie das Zeugnis sehen, das ihr Schöpfer ihnen bezeugt hat, daß sie im Leben das Gesetz, das ihnen anvertraut war, gehütet haben; die vierte, daß sie die Ruhe kennen, die sie schon jetzt, in ihren Kammern versammelt, unter dem Schutze von Engeln in tiefem Frieden genießen dürfen, und die Herrlichkeit, die ihrer zuletzt noch wartet. Die fünfte, daß sie frohlocken, jetzt der Vergänglichkeit entflohen zu sein und die Zukunft zu ererben; ferner, daß sie auf die Enge und die vielen Mühsale hinblicken, wovon sie erlöst sind, und auf die Weite, ’die‘ sie ererben sollen in seliger Unsterblichkeit. Die sechste, daß ihnen gezeigt wird, wie ihr Antlitz einst wie die Sonne leuchten soll, und wie sie dem Sternenlichte gleichen sollen, von nun an [wie diese] nicht mehr vergänglich. Die siebente Freude, höher als alle genannten, ist die, daß

sie zuversichtlich frohlocken, 

sicher vertrauen

und furchtlos sich freuen;

denn sie eilen herzu, das Antlitz dessen zu schauen, dem sie im Leben gedient, und von dem sie Lob und Lohn empfangen sollen. Das sind die Freuden der Seelen der Gerechten, die ihnen schon für jetzt verheißen sind; die Martern aber, von denen ich sprach, sind es, denen die Sünder schon jetzt verfallen. — 

Ich antwortete und sprach: Es wird also den Seelen, nachdem sie sich von ihren Leibern getrennt haben, eine Frist verstattet, das zu schauen, was du mir geschildert hast? Er sprach zu mir: Sieben Tage haben sie Freiheit, um sich in diesen sieben Tagen das, wovon ich gesprochen, zu betrachten; darnach werden sie in ihre Kammern versammelt.

Gibt es Fürbitte beim jüngsten Gericht?

Ich antwortete und sprach: Wenn ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, so zeige mir, deinem Knechte, noch dies: ob die Gerechten am Tage des Gerichts für die Gottlosen eintreten und beim Höchsten für sie bitten dürfen: Väter für Söhne, Söhne für die Eltern, Brüder für Brüder, Verwandte für ihre Vettern, Freunde für ihre Genossen? Er antwortete mir und sprach: Weil du Gnade vor meinen Augen gefunden hast, so will ich dir auch dies zeigen. Der Tag der Entscheidung ist ’wie der Gerichtsbote‘ und zeigt allen das Siegel der Wahrheit. Wie schon jetzt kein Vater den Sohn, kein Sohn den Vater, kein Herr den Knecht, kein Freund den Genossen senden kann, daß er für ihn ’krank sei‘, schlafe, esse oder sich heilen lasse, so wird ’auch dann‘ keineswegs jemand für irgend wen bitten ’noch jemanden anklagen‘ dürfen; dann trägt ein jeder ganz allein seine Ungerechtigkeit oder Gerechtigkeit. 

Ich antwortete und sprach: Wie finden wir aber jetzt geschrieben, daß schon Abraham für die Leute von Sodom gebetet hat, Mose für unsere Väter, als sie in der Wüste sündigten, Josua nach ihm für Israel in den Tagen Achans, Samuel ’in den Tagen Sauls‘, 

David wegen der Plage, Salomo für die, die am Heiligtume [beten], Elias für die, die den Regen empfingen, und für den Toten, daß er lebe, Hiskia für das Volk in den Tagen Sanheribs und viele andere für viele? Wenn also jetzt, da die Verderbnis gewachsen und der Ungerechtigkeit viel geworden ist, Gerechte für Sünder gebetet haben, warum kann das nicht auch dann geschehen? — Er antwortete mir und sprach: Die gegenwärtige Welt ist nicht das Ende, ihre Herrlichkeit bleibt ’nicht‘ beständig; deshalb haben Starke für Schwache beten dürfen. Der Tag des Gerichts aber ist das Ende dieser Welt und ’der Anfang‘ der kommenden ewigen Welt; darinnen ist 

die Verderbnis vorüber, 

die Zuchtlosigkeit ausgetrieben, 

der Unglaube vertilgt;

die Gerechtigkeit aber erwachsen 

und die Wahrheit entsprossen. 

Dann also wird sich niemand dessen erbarmen dürfen, der im Gericht unterlegen ist, noch den stürzen können, der dann obgesiegt hat. 

Was nützt den Sündern die Verheißung? Aber sie haben ihr Geschick verdient.

Ich antwortete und sprach: Dies bleibt mein erstes und letztes Wort: Besser wäre es, die Erde hätte Adam nie hervorgebracht, oder sie hätte ihn wenigstens von der Sünde ferngehalten. Denn was hilft es uns allen, daß wir jetzt in Trübsal leben müssen und nach dem Tode noch auf Strafe zu warten haben? Ach Adam, was hast du gethan! Als du sündigtest, kam dein Fall nicht nur auf dich, sondern auch auf uns, deine Nachkommen! Denn was hilft es uns, daß uns die Ewigkeit versprochen ist, wenn wir Werke des Todes gethan haben? daß uns eine unvergängliche Hoffnung verheißen ist, wenn wir so traurig der Eitelkeit verfallen sind? daß uns Stätten voll Genesung und Frieden bereitet sind, wenn wir im Elend dahingegangen sind? daß einst des Höchsten Herrlichkeit die beschirmen soll, die sich rein erhalten haben, wenn wir auf schändlichen Wegen gewandelt haben? daß das Paradies erscheinen soll, dessen Früchte ewig bleiben, die Sättigung und Heilung verleihen, wenn wir doch niemals hineinkommen, weil wir an scheußlichen Orten verweilt haben? daß das Antlitz der Reinen heller als Sonnenglanz strahlen wird, wenn unser eigenes Antlitz finsterer sein wird als die Nacht? Denn ach, wir haben im Leben, da wir Sünde taten, der Leiden nicht gedacht, die uns nach dem Tode bevorstehen! 

Er antwortete und sprach: Das ist der Sinn des Kampfes, den jeder kämpfen muß, der auf Erden als Mensch geboren ist, daß er, wenn besiegt, zu leiden hat, wovon du gesprochen; siegt er aber, so empfängt er, was ich dir ’verkündet‘. Denn das ist der Weg, von dem schon Mose, als er noch lebte, zum Volke gesagt hat: Wähle dir das Leben, daß du Leben habest! Sie glaubten ihm aber nicht, noch den Propheten nach ihm, noch auch mir selber, der ich zu ihnen gesprochen. Deshalb ’wird‘ keine Trauer sein über ihren Untergang, sowie Freude herrschen wird über ’das Heil der Gläubigen‘. 

Bedenken gegen die Verdammnis so vieler, vom Gottesbegriff aus. Wie verträgt sich die Verdammnis so vieler Menschen mit Gottes Erbarmen?

Ich antwortete und sprach: Gott Israels, ich weiß doch, daß der Höchste gegenwärtig der Barmherzige heißt, weil er sich derer erbarmt, die noch nicht in die Welt gekommen sind, der Gütige, weil er gegen die, die nach seinem Gesetze wandeln, gütig ist; der Langmütige, weil er den Sündern als seinen Geschöpfen Langmut erweist; der Mildthätige, weil er lieber schenken als fordern will; der Gnadenreiche, weil er gegen Lebende, Vergangene und Zukünftige an Gnaden so reich ist; und wäre er es nicht, so käme die Welt samt ihren Bewohnern niemals zum Leben; der Freundliche, denn wenn er nicht freundlich verstattete, daß die Sünder ihrer Sünden los und ledig würden, so könnte nicht der zehntausendste Teil der Menschen zum Leben gelangen; und der ’Verzeihende‘, ’denn‘ wenn er nicht den Geschöpfen seines Wortes verziehe und die Fülle ihrer Übertretungen tilgte, so würden vielleicht aus der unzählbaren Menge überbleiben nur ganz wenige! 


Kapitel 8

Er antwortete mir und sprach: Diese Welt hat der Höchste um vieler willen geschaffen, aber die zukünftige nur für wenige. Ich will dir ein Gleichnis sagen, Esra. Wenn du die Erde fragst, so wird sie dir sagen, daß sie viel mehr Thon hervorbringt, woraus man Geschirr macht, aber ganz wenig Staub, woraus Gold wird. So ist auch diese Welt geordnet: viele sind geschaffen, wenige aber gerettet!

Wie kann Gott sein so mühsam gebildetes Geschöpf dem Verderben preisgeben?

Ich antwortete und sprach : 

Meine Seele schlürfe Vernunft, 

’mein Herz‘ schlinge Verstand! 

Du bist ’ungefragt‘ gekommen 

und ’mußt‘ wider Willen scheiden, 

denn Freiheit ist dir nur gegeben eine kurze Lebenszeit. — Ach Gott Israels, der über uns waltet, gestatte deinem Knechte, vor dir ’zu beten‘; gieb Samen in unser Herz und unserer Vernunft Pflege, daß Frucht erwachse, damit zum Leben gelangen alle Sterblichen, die Menschen-’bild‘ ’getragen‘. Denn du bist der Einzige, und wir sind das einzige Gebilde, ’das Werk‘ deiner Hände, wie du selbst gesagt hast. 

Jetzt gibst du ja unserem Leibe, den du im Mutterleibe bildest, das Leben und verleihst ihm seine Glieder: in Feuer und Wasser wird dein Geschöpf erhalten; neun Monate trägt dein Gebilde das Geschöpf, das du darinnen geschaffen hast. Das Verwahrende selbst aber und das Verwahrte, beide ’werden‘ durch deine Verwahrung verwahrt. Und wenn die Mutter zurückgibt, was darinnen erschaffen ist, so hast du ihren eigenen Gliedern, d. h. den Brüsten, befohlen, Milch, das Erzeugnis der Brüste, darzubieten, damit dein Geschöpf gewisse Zeit lang genährt werde. 

Dann ’hast‘ du ihm Leitung gegeben ’in‘ deiner Barmherzigkeit 

und Nahrung ’in‘ deiner Gerechtigkeit; 

Unterricht durch dein Gesetz 

und Belehrung in deiner Weisheit. 

Du magst es töten, es ist ja dein Geschöpf; 

oder es am Leben erhalten, es ist ja dein Werk! 

Wenn du aber, was unter so vielen Mühen gebildet ist, durch deinen Befehl mit einem raschen Worte zu nichte machst, wozu ist es dann überhaupt entstanden? — 

Doch ich will zugeben: was die Menschen alle betrifft, magst du es besser wissen; aber was angeht 

dein Volk, das mir leid thut, 

dein Erbe, um das ich klage, 

Israel, für das ich traure, 

den Samen Jakobs, um den ich sorge! 

Darum will ich anheben, vor dir für mich und sie zu beten; denn ich sehe uns alle, die wir auf Erden leben, tief in Sünden und habe ’jetzt‘ von dem Ernste des kommenden Gerichts gehört. 

Deshalb höre meine Stimme, 

merke auf meine Worte 

und laß mich vor dir reden!

Das Gebet Esras um Erbarmen und die göttliche Antwort. 

Ewiger Gott, der du im Himmel wohnst, 

dessen Augen hoch oben, 

dessen Gemach in den Lüften;

dessen Thron ’unbeschreibbar‘, 

dessen Herrlichteit unfaßbar; 

vor dem der Engel Heer mit Zittern steht, 

deren Chor sich wandelt in Sturm und Feuer; 

dessen Wort fest bleibt, 

dessen Befehle gültig, 

dessen Gebot gewaltig, 

dessen Geheiß gefürchtet; 

dessen Blick die Tiefen vertrocknet, 

dessen Dräuen die Berge zerschmilzt; 

dessen Wahrheit ’ewig bleibt‘, — 

erhöre deines Knechtes Gebet,

vernimm mit den Ohren das Flehn deines Gebildes 

und merke auf meine Worte!

Denn solange ich lebe, muß ich reden, 

solang ich denken kann, erwidern. — 

Schau nicht auf deines Volkes Sünden, 

sondern auf die, die dir wahrhaft gedient; 

blicke nicht auf die Taten der Frevler, 

sondern auf die, die deine Bündnisse in Leiden bewahrt; 

gedenke nicht derer, die vor dir mit Trug gewandelt, 

sondern halt im Gedächtnis, die sich um deinen Dienst von Herzen gekümmert; 

richte die nicht zu Grunde, die wie das Vieh dahingelebt, 

sondern nimm dich derer an, die dein Gesetz lauter gelehrt; 

zürne nicht denen, die schlimmer als Tiere erachtet sind, 

sondern beweise denen deine Liebe, die allezeit deiner Herrlichkeit vertraut. — 

Denn wir und unsere Väter haben in Werken des Todes dahingelebt, du aber bist gerade, weil wir Sünder sind, der Barmherzige genannt. Denn gerade weil wir nicht Werke der Gerechtigkeit haben, wirst du, wenn du einwilligst, uns zu begnadigen, der ’Gnädige‘ heißen. Denn die Gerechten, denen viele Werke bei dir bewahrt sind, werden aus eigenen Werken den Lohn empfangen. — 

Was ist ’aber‘ der Mensch, daß du ihm zürnen solltest, 

was das sterbliche Geschlecht, daß du ihm so grollen könntest? 

Denn in Wahrheit 

niemand ist der Weibgeborenen, der nicht gesündigt, 

niemand der ’Lebenden‘, der nicht gefehlt. 

Denn dadurch wird deine Gerechtigkeit und Güte, o Gott, offenbar, daß du dich derer erbarmst, die keinen Schatz von guten Werken haben. 

Er antwortete mir und sprach: Manches hast du richtig gesagt, und es soll geschehen, wie du gesprochrn. Denn wirklich will ich mich nicht kümmern um das, was die Sünder sich bereitet haben, um Tod, Gericht und Verderben, sondern vielmehr will ich mich an dem erfreuen, was die Gerechten sich erworben, an ’Heimkehr‘, Erlösung und Lohnempfang. Also wie ’du‘ gesprochen hast, so ist es. 

Der Mensch gleicht dem Samen des Landmanns.

Denn wie der Landmann vielen Samen auf die Erde sät und eine Menge Pflanzen pflanzt, aber nicht alles Gesäte zur Zeit bewahrt bleibt und nicht alles Gepflanzte Wurzel schlägt, so werden auch die, die in der Welt gesät sind, nicht alle bewahrt bleiben. 

Ich antwortete und sprach: Wenn ich Gnade vor dir gefunden, so laß mich reden! Der Same des Landmanns, wenn er deinen Regen nicht zur rechten Zeit bekommen hat und also nicht aufgegangen ist, oder wenn er durch zu viel Regen verdorben ist, geht freilich so zu Grunde; aber ’das Menschenkind‘, das durch deine Hände gebildet, das dein Ebenbild genannt ist, weil es ’dir‘ gleich geschaffen ist, ’um dessentwillen‘ du alles geschaffen hast, das hast du dem Samen des Landmanns gleichgestellt?! — Nein Höchster, unser Gott,

schone dein Volk, 

erbarme dich deines Erbes, 

du hast ja Mitleid mit deinem Geschöpf! 

Die göttliche Antwort: Du gehörst zu den Seligen; denk an deine eigene Seligkeit und vergiß die Sünder, die ihr Schicksal verdient haben! 

Er antwortete und sprach: 

Heute den Heutigen, 

Einst den Einstigen! 

Denn viel fehlt dir, daß du meine Schöpfung mehr lieben könntest als ich 

Du aber hast dich oft den Sündern gleichgestellt; nimmermehr! Vielmehr wirst du auch darum vor dem Höchsten Ruhm empfangen, weil du dich, wie dir zukommt, erniedrigt und dich nicht zu den Gerechten gezählt hast; deß wirst du um so größere Ehre haben ’Denn durch viele schlimme Demütigungen‘ müssen in der letzten Zeit die Erdenbewohner gedemütigt werden, weil sie in schlimmem Übermute gewandelt sind. Du aber denke lieber ’an dein eigenes Los‘ und forsche nach Herrlichkeit, die deine Brüder ererben sollen. Denn für euch ist 

das Paradies eröffnet, 

der Lebensbaum gepflanzt; 

der zukünftige Zeitalter zugerüstet, 

die Seligkeit vorher bestimmt; 

die Stadt erbaut, 

die Heimat auserwählt; 

die guten Werke geschaffen, 

die Weisheit bereitet; 

der Keim vor euch versiegelt, 

die Krankheit vor euch getilgt; 

’der Tod‘ verborgen, 

der Hades entflohen; 

die Vergänglichkeit vergessen, 

die Schmerzen vorüber; 

aber des Lebens Schätze sind euch am Ende offenbar. — 

So forsche nicht weiter nach der großen Zahl derer, die ins Verderben gehen; denn sie haben aus eigenem freiem Entschluß 

den Höchsten verachtet, 

sein Gesetz verworfen, 

seine Wege verlassen,

dazu seine Frommen zertreten; und haben in ihren Herzen gesprochen, es sei kein Gott; und alles dies, obwohl sie sehr wohl wußten, daß sie sterben müßten. ’Deshalb‘, wie euer die Verheißungen warten, so ihrer Durst und Pein, die ihnen bereitet sind. Denn nicht der Höchste hat gewollt, daß Menschen verloren gehen; vielmehr die Geschöpfe selber haben den Namen deß, der sie doch geschaffen, verunehrt und Undankbarkeit bewiesen gegen den, der ihnen doch das Leben bereitet hat. Deshalb naht mein Gericht jetzt bald heran. — Dies habe ich nicht vielen kundgethan, sondern nur dir und wenigen dir Gleichen. 

Die Endvollendung und ihre Zeichen.

Ich antwortete und sprach: Du hast mir, Höchster, eine Fülle von Zeichen bereits offenbart, die du in der letzten Zeit tun willst, hast mir aber nicht offenbart, zu welcher Zeit. 


Kapitel 9

Er antwortete mir und sprach: Das ermiß du bei dir selber; und wenn du siehst, daß ein Teil der angekündigten Zeichen vorüber ist, dann wirst du erkennen, daß nun die Zeit gekommen ist, da der Höchste die Welt, die er geschaffen hat, heimsuchen will. Wenn in der Welt erscheinen werden  

Empörung in den Ländern,  

Verwirrung in den Völkern,  

Anschläge unter den Nationen; 

Unruhen unter den Fürsten,  

Gährung unter den Herrschern,  

dann wirst du erkennen, daß dies die Dinge sind, über die der Höchste seit den Tagen geredet hat, die im Anfange zuvor gewesen sind. ’Denn wie alles, was in der Welt geschehen ist, einen [verborgenen] Anfang hat im Wort, aber ein offenkundiges Ende, so sind auch des Höchsten Zeiten: ihr Anfang in Wort und Vorzeichen, ihr Ende aber in Thaten und Wundern‘. Alle aber, die dann gerettet sind, und die dann haben entrinnen können, um ihrer Werke willen oder des Glaubens wegen, den sie bewahrt haben, die sind es, die aus allen Gefahren, die ich dir verkündet, überbleiben: die werden mein Heil schauen in meinem Land und auf meinem Gebiet, das ich mir seit Ewigkeit her geheiligt. Dann lernen Ehrfurcht, die jetzt meine Wege mißachtet; dann weilen sie selber in den Martern, die sie verachtet und verspottet haben. Denn alle, die mich im Leben nicht erkannt, als sie noch Wohlthaten von mir empfingen, die mein Gesetz verschmäht, als sie noch die Freiheit hatten, die die Thür der Buße, die ihnen damals noch offenstand, nicht bedacht, sondern verschmäht, die sollen nach dem Tode zur Erkenntnis kommen.  

Du also frage nicht weiter, wie die Gottlosen gemartert, sondern forsche darüber, wie die Gerechten erlöst werden sollen, wem das Zeitalter gehöre, um wessentwillen er sei und zu welcher Zeit.  

Nochmals das traurige, aber wohlverdiente Los der Sünder 

Ich antwortete und sprach: Einst habe ich gesagt und sage jetzt und werde immer wieder sagen:  

Mehr sind der Verlorenen als der Erlösten,  

wie die Flut mehr ist als ein Tropfen!  

Er antwortete mir und sprach:  

Wie der Boden, so die Saat,  

wie die Blumen, so die Farbe;  

wie die Arbeit, so das Werk;  

wie der Landmann, so die Ernte. —  

Denn es gab eine Zeit im Zeitalter — da bereitete ich dem gegenwärtigen Geschlecht, ’das damals noch nicht da war', die Welt zur Wohnung; und damals widersprach mir niemand, denn niemand war vorhanden. Nun aber sind sie, die ich gesetzt hatte in diese Welt, die ich bereitet hatte, an einen ewigen Tisch, auf eine geheimnisvolle ’Weide‘, die sind in 'all’ ihrem Thun entartet.  

Da schaute ich meine Welt an: siehe, sie war verderbt;  

und meine Erde: siehe, sie war in Gefahr  

der Anschläge ’derer‘ wegen, die darein gekommen waren. Das sah ich und verschonte davon mit Müh’ und Not und rettete eine Beere aus der ganzen Traube und einen Sproß aus dem großen ’Walde‘. So gehe nun dahin die Menge, die für nichts geboren ist; gerettet aber bleibe meine Beere, mein Sproß, die ich mit vieler Mühsal bereitet! 


Kapitel 10

Als aber mein Sohn die Kammer betrat, fiel er nieder und war tot. Da stießen wir alle die Lichter um. Alle Nachbarn aber standen auf, mich zu trösten; ich aber sagte kein Wort bis zur zweiten Nacht. Als sie sich nun alle zur Ruhe begeben [und abgelassen], mir zuzureden, ’im Glauben, ich sei beruhigt‘, da erhob ich mich bei Nacht, floh und kam, wie du siehst, auf dieses Feld. Und nun denke ich, nicht mehr in die Stadt zurückzukehren, sondern hier zu bleiben und nicht ’zu essen‘ noch ’zu trinken‘, sondern ohn’ Unterlaß zu klagen und zu fasten, bis ich sterbe.

Da ließ ich die Reden, die mich bisher beschäftigt hatten, antwortete ihr im Zorn und sprach: Du Thörichte vor allen Weibern, siehst du nicht unsere Trauer und unser Unglück? Ist doch Zion, unser aller Mutter, selber  

in tiefer Trauer, 

in schwerem Leid, 

in bitterer Klage.

Jetzt ’ist es wohl Zeit, zu klagen‘ — wir sind ja alle ’im Elend‘ — und ’betrübt zu sein‘ — wir sind ja alle in Trübsal; du aber klagst allein um deinen Sohn! Frage ’aber‘ die Erde, sie wird dir’s sagen, daß sie es ist, die über so viele klagen müßte, die auf ihr entsprossen sind. Aus ihr haben wir alle den Anfang genommen, andere werden aus ihr kommen: fast alle aber gehen ins Verderben; ihre Menge wird vernichtet. Wer sollte also mehr klagen: nicht sie, die solche Menge verloren hat? etwa du, die du nur um den Einen Leid trägst? — Oder wirst du erwidern: Mein Jammer ist dem der Erde nicht gleich; ich habe meines Leibes Frucht verloren, 

die ich in Mühen gekreißt 

und mit Schmerzen geboren. 

Der Erde aber ergeht es nur nach ihrer Natur: die Menge, die auf ihr lebte, ist dahingegangen, wie sie gekommen ist. Aber ich entgegne dir: Wie du mit Schmerzen gekreißt hast, ebenso hat auch die Erde im Anfang ihrem Schöpfer ihre Frucht, den Menschen, hervorgebracht. — 

So halte deinen Schmerz zurück 

und ertrage standhaft dein Unglück. 

Denn wenn du Gottes Beschlusse Recht giebst, wirst du deinen Sohn seiner Zeit wiederbekommen und Ehre haben unter den Weibern. Geh also in die Stadt zu deinem Manne zurück. 

Sie sprach zu mir: Das thue ich nicht; in die Stadt gehe ich nicht, sondern hier will ich sterben. Da fuhr ich nochmals fort, zu ihr zu reden, und sprach: ’Nein, Weib! nein, Weib!‘ so darfst du nicht thun; 

sondern laß dich willig bereden um Zions Unglück, 

laß dich trösten durch Jerusalems Schmerz. 

Du siehst doch, wie 

unser Heiligtum verwüstet ist, 

unser Altar niedergerissen; 

unser Tempel zerstört, 

’unser Gottesdienst aufgehoben‘; 

unsere Harfe in den Staub geworfen, 

unser Jubellied verstummt, 

unser Stolz gebeugt;

unseres Leuchters Licht erloschen, 

unseres Bundes Lade geraubt;

unsere Heiligtümer verunehrt, 

der Name, nach dem wir heißen, geschändet; 

unsere Edle mit Schmach bedeckt, 

unsere Priester verbrannt, 

unsere Leviten gefangen;

unsere Jungfrauen befleckt, 

unsere Weiber vergewaltigt; 

’unsere Greise verunehrt‘, 

unsere Gerechten fortgeführt; 

unsere Kinder ’geraubt‘, 

unsere Jünglinge zu Sklaven geworden 

und unsere Helden schwach.

Und schlimmer als alles dieses: 

Dem Siegel Zions ist jetzt seine Ehre versiegelt 

und ist unseren Hassern in die Hand gegeben. 

So schüttle deine tiefe Traurigkeit ab, 

laß die Fülle der Schmerzen fahren, 

daß der Allmächtige sich dir versöhne 

und der Höchste dir Ruhe schenke, 

Trost von deinem Gram!

Zions Herrlichkeit

Als ich noch so zu ihr sprach, siehe 

da erglänzte ihr Angesicht plötzlich, 

und ihr Aussehen ward wie Blitzes Schein, 

so daß ich vor großer Furcht nicht wagte, ’ihr nahe zu kommen, und sich mein Herz gewaltig entsetzte‘. — ’Während ich noch‘ überlegte, was dies zu bedeuten habe, schrie sie plötzlich mit lauter, furchtbarer Stimme, daß die Erde vor diesem Schrei erbebte. Und als ich hinblickte, da war das Weib nicht mehr zu sehen, sondern eine ’erbaute‘ Stadt, und ein Platz zeigte sich mir auf gewaltigen Fundamenten. Da erschrak ich und schrie mit lauter Stimme und sprach: Wo ist der Engel Uriel, der im Anfange zu mir gekommen war? Er selber hat mich ja in die Fülle dieser Schrecknisse gesandt; 

nun ist meine Absicht vereitelt, 

meine Bitte abgeschlagen! 

Die Deutung

Als ich noch so sprach, siehe, da kam der Engel zu mir, der schon im Anfange zu mir gekommen war; und als er mich sah wie einen Toten daliegen mit entschwundenen Sinnen, da faßte er mich an der Rechten, stärkte mich und stellte mich auf die Füße. Und er sprach zu mir: 

Was fehlt dir? 

was entsetzt dich so? 

warum ist dein Gemüt so bestürzt 

und deines Herzens Sinn? 

Ich sprach: Weil du mich im Stiche gelassen! Ich habe nach deinen Worten gehandelt und bin aufs Feld gegangen, und ach, hier sah ich und sehe, was ich nicht erklären kann. Er sprach zu mir: Tritt hin wie ein Mann, so will ich dich belehren. Ich sprach: Rede ; nur verlaß mich nicht, daß ich nicht schuldlos sterbe. 

Denn ich habe gesehen, was ich nicht verstand, 

und gehört, was ich nicht begreife. 

Oder täuschen sich meine Sinne? 

und träumt meine Seele? 

Nun flehe ich dich an: erkläre deinem Knechte dies Schrecknis! 

Er antwortete mir und sprach: 

Höre mir zu, so will ich dich belehren 

und dir kundthun, wovor du erschrickst; 

denn der Höchste hat dir große Geheimnisse offenbart. Denn er hat deinen treuen Sinn erkannt, 

wie du ohn’ Unterlaß um dein Volk getrauert 

und tiefes Leid um Zion getragen hast. — 

Dies ist der Sinn des Gesichts: das Weib, das dir vor Kurzem erschienen ist, das du trauern gesehen und zu trösten begonnen hast, das dir jetzt aber nicht mehr in Weibesgestalt erscheint, sondern als eine ’erbaute‘ Stadt, und das dir vom Unfall ihres Sohnes erzählt hat, davon lautet die Deutung: dies Weib, das du gesehen hast, ist Zion, das du jetzt als erbaute Stadt schaust. — Wenn sie dir gesagt, sie sei dreißig Jahre unfruchtbar gewesen: weil in der Welt drei Jahre vergangen sind, ehe Opfer darinnen geopfert worden sind; erst nach drei Jahren hat Salomo die Stadt gebaut und Opfer geopfert: damals gebar die Unfruchtbare einen Sohn. — Wenn sie dir erzählt hat, sie habe ihn mit Mühe aufgezogen: das war die Zeit, da Jerusalem bewohnt war. — Und wenn sie dir erzählt hat, ’ihr‘ Sohn sei, als er die Brautkammer betreten, gestorben: ’dieser Unfall, der sich ihr ereignet hat‘, ist die Zerstörung Jerusalems, die du erlebt hast. -  Nun hast du sie im Bilde gesehen, wie sie um ihren Sohn trauert, und du selber hast schon begonnen, sie in ihrem Unglück zu trösten. — 

Nun hat der Höchste gesehen, 

daß du im Innern betrübt bist 

und aus ganzem Herzen um sie trauerst; 

darum hat er dir ihren strahlenden Glanz gezeigt 

und ihre wundervolle Herrlichkeit. 

Ebendeshalb hatte ich dir befohlen, auf dem Gefilde zu bleiben, wo noch kein Haus gebaut ist; denn ich wußte wohl, der Höchste werde dir dies ’Alles‘ offenbaren. Darum befahl ich dir, auf das Feld zu gehen, wo noch kein Grund zu einem Bau gelegt ist; denn es darf kein menschliches Bauwerk da bestehen, wo die Stadt des Höchsten sich offenbaren soll. — Du also fürchte dich nicht, dein Herz erschrecke nicht; sondern geh hinein und besieh dir die Pracht und Herrlichkeit des Baus, so viel nur deine Augen fassen und schauen können! Darnach wirst du hören, so viel deine Ohren fassen und hören können. 

’Denn‘ du bist selig vor vielen 

und hast vor dem Höchsten einen Namen wie wenige! — 

Bleibe aber noch morgen Nacht hier; so wird dir der Höchste in Traumgesichten zeigen, was[58] der Höchste in den letzten Tagen den Erdenbewohnern thun will. 

Fünftes Gesicht.

Der Adler aus dem Meere.

Das Gesicht.

So schlief ich jene Nacht und auch noch die folgende, so wie er mir geboten. 


Kapitel 11

In der zweiten Nacht sah ich einen Traum: Da stieg ein Adler aus dem Meer empor; der hatte zwölf befiederte Flügel und drei Häupter. Und ich schaute, wie er seine Flügel über die ganze Erde ausbreitete, und wie alle Winde des Himmels auf ihn einbliesen, und ’die Wolken sich um ihn‘ sammelten. Darnach schaute ich, wie aus seinen Flügeln Gegen-Flügel entstanden, die wurden kleine und geringe Flüglein. Die Häupter aber schliefen; das mittlere Haupt war größer als die beiden anderen, aber schlief ebenso wie sie. Dann schaute ich, wie der Adler mit seinen Flügeln dahinflog, um über die Erde und ihre Bewohner die Herrschaft zu gewinnen. Und ich schaute, wie alles unter dem Himmel ihm unterworfen ward, und niemand ihm widerstand, keines von allen Geschöpfen der Erde. Dann schaute ich, wie sich der Adler auf seinen Krallen aufrichtete und zu seinen Flügeln also sprach: Wachet ihr nicht alle mit einem Male, sondern schlafet jeder an seiner Stätte und wacht zu eurer Zeit; die Häupter aber sollen bis zuletzt warten. Und ich schaute, daß diese Stimme nicht aus seinen Häuptern, sondern mitten aus seinem Leibe hervorging. Ich zählte die Gegen-Flügel: sieh, es waren ihrer acht.

Dann schaute ich, wie der erste Flügel auf der rechten Seite erwachte und über die ganze Erde regierte. Als er aber regiert hatte, ging es mit ihm zu Ende: da war er verschwunden, so daß auch seine Stätte nicht zu sehen war. — Da erwachte der Zweite und regierte, und dieser hielt lange Zeit inne. Als er aber regiert hatte, ging es mit ihm zu Ende, so daß er nicht mehr zu sehen war, wie der Vorige. Und sieh, es erscholl eine Stimme, die zu ihm sprach: Höre du, der du diese ganze Zeit hindurch die Erde behauptet hast; dies verkünde ich dir, bevor du nicht mehr sein wirst: nach dir wird niemand so lange herrschen wie du, ja nicht einmal halb so lange! — Dann richtete sich der Dritte empor und führte das Regiment wie seine Vorgänger; dann verschwand auch er. — Und so erging’s auch den übrigen Flügeln allen, der Reihe nach das Regiment zu haben und dann zu verschwinden. — Dann schaute ich, sieh, da erhoben sich zu ihrer Zeit auch die folgenden Flügel auf der rechten Seite, um das Regiment zu führen; unter ihnen waren einige, die es führten, aber sofort wieder verschwanden. Andere aber von ihnen erhoben sich, aber behaupteten nicht das Regiment. — Darnach schaute ich, da waren die zwölf Flügel verschwunden und zwei der Flüglein; und am ganzen Leibe des Adlers war nichts mehr übrig als nur noch die ruhenden Häupter und sechs Flüglein. 

Dann schaute ich, wie sich von den sechs Flüglein zwei trennten und ’sich unter das rechte Haupt begaben‘; die übrigen vier beharrten an ihrem Ort. Dann schaute ich, wie diese vier Gegen-Flügel planten, sich aufzurichten und das Regiment zu führen. Ich schaute, siehe da, der erste von ihnen richtete sich auf, aber verschwand sofort wieder; so auch der zweite: der verschwand noch rascher als der erste. Dann schaute ich, wie auch die beiden übrigen planten, zur Herrschaft zu kommen. — Während sie aber dies noch planten, siehe, da wachte das erste der ruhenden Häupter auf; es war das mittlere, das größer als die beiden anderen Häupter war. Dann schaute ich, wie es die beiden Häupter mit sich verband; und siehe da, das Haupt mit seinen Verbündeten wandte sich und fraß die beiden Gegenflügel, die geplant hatten, zu herrschen. Dies Haupt hielt die ganze Erde im Zaum und drangsalierte ihre Bewohner mit großer Bedrängnis und führte die Herrschaft über den Erdkreis gewaltiger als alle Flügel vor ihm. Darnach schaute ich und siehe, das mittlere Haupt war plötzlich verschwunden, ebenso wie vorher die Flügel. So blieben nur noch die beiden Häupter übrig; die herrschten nun selber über die Erde und ihre Bewohner. Darnach schaute ich und siehe, das rechte Haupt verschlang das linke. 

Da hörte ich eine Stimme, die zu mir sprach: Blicke gerade aus und betrachte genau, was du schaust. Da schaute ich, siehe da, es kam wie ein Löwe, der aus dem Walde mit Gebrüll hervorstürzt; ich hörte, wie er Menschenstimme gegen den Adler von sich ließ. Er sprach aber also: Höre, du Adler, so will ich zu dir reden. Der Höchste spricht zu dir: Du bist ja das letzte der vier Tiere, die ich bestimmt hatte, daß sie in meiner Welt herrschen sollten, und daß durch sie das Ende meiner Zeiten kommen sollte. ’Du aber‘, das vierte, das gekommen ist, ’hast‘ alle früheren Tiere überwunden, 

’du hast‘ die Welt mit großem Schrecken, 

’du hast‘ die ganze Erde mit schwerer Drangsal beherrscht; 

’du hast‘ den Erdkreis so lange Zeit mit Trug bewohnt 

und die Erde nicht mit Wahrheit gerichtet: 

denn du hast die Sanftmütigen bedrückt 

und die Friedfertigen vergewaltigt; 

du hast die Wahrhaftigen gehaßt 

und die Lügner geliebt; 

du hast den Fruchtbringenden die ’Burgen‘ zerstört 

und denen, die dir nichts Böses gethan, die Mauern eingerissen. — 

Aber dein Frevel ist vor den Höchsten, 

deine Hoffart vor den Allmächtigen gekommen. 

Da sah der Höchste seine Zeiten an: 

siehe, sie waren zu Ende, 

und seine Zeitalter: sie waren voll.

Darum wirst du Adler verschwinden 

samt deinen schrecklichen Flügeln, 

deinen bösartigen Flüglein, 

deinen ruchlosen Häuptern, 

deinen grausamen Klauen 

und deinem ganzen frevlerischen Leib! 

So wird die ganze Welt, von deiner Gewalt befreit, erleichtert aufatmen, um dann des Gerichtes und der Gnade ihres Schöpfers zu harren. 


Kapitel 12

Während der Löwe diese Worte zum Adler sprach, schaute ich, wie auch das letzte Haupt verschwand. Da richteten sich die beiden Flügel auf, die sich zu ihm begeben hatten, und erhoben sich, um zu herrschen; aber ihre Herrschaft war schwach und stürmisch. Dann schaute ich, wie auch diese verschwanden, und der ganze Leib des Adlers in Flammen aufging: da staunte die Erde gewaltig.

Die Deutung

Da erwachte ich vor mächtigem Schrecken und großer Furcht, und ich sprach zu meinem Geiste: Du hast mir dies eingebracht, weil du nach des Höchsten Wegen grübelst.  

Nun aber ist meine Seele matt, 

und mein Geist ganz geschwächt, 

und keine Kraft ist mir geblieben wegen der großen Furcht, die diese Nacht über mich gekommen ist. Darum will ich jetzt zum Höchsten beten, daß er mich kräftige bis zum Ende. So sprach ich: Allmächtiger Gott, wenn ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, wenn ich bei dir vor vielen gerechtfertigt bin, wenn mein Gebet wirklich vor dein Angesicht gekommen ist, so kräftige mich und zeige deinem Knechte die Deutung und Erklärung dieses schrecklichen Gesichts und tröste meine Seele ganz! Du hast mich ja für würdig erachtet, mir das Ende der Zeiten und den Schluß der ’Stunden‘ zu zeigen. 

Da sprach er zu mir: Dies ist die Deutung des Gesichts, das du gesehen hast. Der Adler, den du vom Meer hast aufsteigen sehen, das ist das vierte Weltreich, das deinem Bruder Daniel im Gesicht erschienen ist; ihm freilich ist es nicht so gedeutet, wie ich dir jetzt deuten will oder schon gedeutet habe. — Siehe, Tage kommen, da wird sich ein Reich über die Erde erheben, das wird furchtbarer sein als alle Reiche, die vor ihm gewesen sind. — Darin werden zwölf Könige herrschen, einer nach dem anderen; der zweite, der herrschen soll, der wird die längste Zeit unter den zwölfen innehaben. Das ist die Deutung der zwölf Flügel, die du gesehen hast. — Und wenn du die Stimme, die gesprochen hat, nicht aus seinen Häuptern, sondern mitten aus seinem Leibe hervorgehen hörtest, so ist dies die Deutung: ’mitten während‘ der Zeit dieses Reichs werden gewaltige Streitigkeiten entstehen, und es wird in Gefahr kommen, zu fallen; aber zu jener Zeit wird es noch nicht fallen, sondern wieder zu seiner ursprünglichen Macht gelangen. — Und wenn du acht Gegen-Flügel gesehen hast, die neben den [Haupt-]Flügeln entstanden waren, so ist dies die Deutung: es werden sich darin acht Könige erheben, deren Zeiten flüchtig, deren Jahre schnell vorübergehen; zwei davon gehen schon zu Grunde, wann die Mitte [des Reiches] naht; vier werden für jene Zeit aufgespart, wann seine Stunde, da es endigt, herannaht, zwei aber werden fürs Ende selber aufgespart. — Wenn du drei Häupter hast ruhen sehen, so bedeutet das: um sein Ende wird der Höchste drei ’Könige‘ erwecken, ’die werden‘ darinnen vieles erneuern und über die Erde und über ihre Bewohner zu großem Unheil herrschen, mehr als alle, die vor ihnen gewesen sind. Deshalb heißen sie Häupter des Adlers, weil sie es sein werden, die seine Frevel auf den Hauptpunkt bringen und sein Äußerstes vollführen. — Wenn du das große Haupt hast verschwinden sehen: der erste von ihnen wird auf seinem Bette sterben, aber doch unter Qualen. Die beiden Übrigen aber wird das Schwert fressen. Denn des Ersten Schwert wird den Andern fressen; doch wird auch dieser in der letzten Zeit durchs Schwert fallen. — Wenn du zwei Gegen-Flügel zu dem rechten Haupt hast hinübergehen sehen, so bedeutet das: das sind die, die der Höchste für sein Ende vorbehalten: ihre Herrschaft ’wird‘ schwach und stürmisch sein, wie du gesehen hast. 

Der Löwe aber, der vor deinen Augen mit Gebrüll aus dem Walde hervorgestürzt ist, der zum Adler gesprochen und ihm seine Sünden vorgehalten hat, mit allen den Worten, die du gehört hast: das ist der Christus, den der Höchste bewahrt für das Ende ’der Tage, der aus dem Samen Davids erstehen und auftreten wird, um zu ihnen zu reden‘; 

er wird ihnen die Gottlosigkeiten vorhalten, 

die Ungerechtigkeiten ’strafen‘, 

die Frevel vor Augen führen.

Denn er wird sie zunächst lebendig vor Gericht stellen; dann aber, nachdem er sie überwiesen, wird er sie vernichten. Den Rest meines Volkes aber, die in meinem Lande übriggeblieben sind, wird er gnädig erlösen und ihnen Freude verleihen, bis das Ende, der Tag des Gerichtes, kommt, über den ich zu dir am Anfang gesprochen habe. 

Dies ist der Traum, den du gesehen, und dies ist seine Deutung. Du allein bist würdig gewesen, dies Geheimnis des Höchsten zu erfahren. So schreibe dies Alles, was du gesehen hast, in ein Buch und bewahre es an verborgenem Ort; und lehre es die Weisen deines Volks, von denen du sicher bist, daß ihre Herzen diese Geheimnisse fassen und bewahren können. Du selber harrte hier noch sieben Tage aus, daß du die Offenbarung empfangest, die der Höchste dir noch zu offenbaren geruhen mag. So ging er von mir. 

Schluß

Als nun das Volk gehört hatte, daß die sieben Tage vorüber, aber ich noch immer nicht wieder in der Stadt sei, da kam alles Volk, Klein und Groß, zusammen und ging zu mir heraus; sie sprachen zu mir also: 

Was haben wir gegen dich begangen, 

was haben wir dir Übels gethan, 

daß du uns so ganz verlassen und dich an diesem Orte niedergelassen hast? Du bist uns ja von allen Propheten allein übergeblieben 

wie eine Traube aus der ganzen Lese, 

wie eine Leuchte an dunklem Ort, 

 ’wie ein Rettungshafen für das Schiff im Sturm‘.

Oder ist der Leiden noch nicht genug, die uns betroffen haben? Willst du uns noch verlassen, so wäre uns viel besser, wir wären im Brande Zions mit verbrannt! Wir sind ja nicht besser als jene, die dabei umgekommen sind. Und sie weinten laut. 

Da antwortete ich ihnen und sprach: 

Fasse Mut, Israel; 

sei nicht traurig, Jakobs Haus! 

Denn vor dem Höchsten wird euer gedacht, 

der Allmächtige hat euch nicht ’für immer‘ vergessen. 

Ich ’aber‘ habe euch nicht verlassen, noch ’will ich von euch scheiden‘, sondern ich bin hierhergegangen, 

um für Zions Verwüstung zu beten 

und um Erbarmen zu flehen für ’unseres‘ Heiligtums Schmach. 

Nun aber geht Alle in eure Häuser zurück, so will ich nach jenen Tagen zu euch kommen. 

Da ging das Volk in die Stadt, wie ich ihnen geboten hatte. Ich aber blieb sieben Tage lang im Gefilde, nach seinem Befehl. Ich aß allein von den Kräutern des Feldes; meine Speise waren Pflanzen in jenen Tagen. 


Kapitel 13

Sechstes Gesicht.

Der Mensch, der Welterlöser.

Das Gesicht.

Nach den sieben Tagen geschah es, da träumte ich des Nachts einen Traum: siehe, da stieg ein ’gewaltiger‘ Sturm vom Meere auf und erregte alle seine Wogen. ’Ich schaute, siehe da führte jener Sturm aus dem Herzen des Meeres etwas wie einen Menschen hervor‘; ich schaute, siehe dieser Mensch flog mit den Wolken des Himmels. Und wohin er sein Antlitz wandte und hinblickte, da erbebte alles, was er anschaute; und wohin die Stimme seines Mundes erging, da ’zerschmolzen‘ alle, die seine Stimme vernahmen, wie Wachs zerfließt, wenn es Feuer spürt. — Darnach schaute ich, siehe, es kam von den vier Winden des Himmels her ein unzählbares Heer von Menschen zusammen, um den Menschen, der aus dem Meer emporgestiegen war, zu bekämpfen. Da schaute ich, wie er sich einen großen Berg losschlug und auf ihn flog. Ich aber bestrebte mich, Gegend oder Ort zu erkennen, woraus der Berg losgeschlagen war; aber ich vermochte es nicht. Darnach schaute ich, siehe, alle, die sich gegen ihn zum Kriege versammelt hatten, gerieten in große Furcht, wagten aber doch den Kampf. Als er aber den Ansturm des Heeres, das auf ihn loskam, sah, da erhob er keine Hand, noch führte er ein Schwert oder eine andere Waffe, sondern ich sah nur, wie er von seinem Munde etwas wie einen feurigen Strom ausließ, von seinen Lippen einen flammenden Hauch, und von seiner Zunge ließ er hervorgehen stürmende Funken: alle diese aber vermischten sich ineinander: der feurige Strom, der flammende Hauch und der gewaltige Sturm. Das fiel über das anstürmende Heer, das zum Kampfe bereit war, und entzündete sie alle, so daß im selben Augenblick von dem unzählbaren Heer nichts anderes zu sehen war außer dem Staube der Asche und dem Dunste des Rauchs. Als ich das sah, entsetzte ich mich. — Darnach schaute ich, wie jener Mensch vom Berge herabstieg und ein anderes friedliches Heer zu sich rief. Da nahten sich ihm Gestalten von vielen Menschen, die einen frohlockend, die anderen traurig; einige waren in Banden, einige führten andere als Opfergaben mit sich. 

Ist es besser, die Endzeit zu erleben oder nicht zu erleben? 

Da erwachte ich vor gewaltigem Schrecken. Dann flehte ich zum Höchsten und sprach: Du hast von Anfang an deinem Knechte solche Wunder offenbart und mich würdig erachtet, mein Flehen anzunehmen. So offenbare mir nun noch die Deutung dieses Traums. — Denn wie ich denke in meinem Sinn: wehe denen, die überbleiben in jener Zeit! aber noch viel mehr: wehe denen, die nicht überbleiben! Denn die nicht überbleiben, müssen traurig sein; denn sie kennen zwar die Freuden, die für die letzte Zeit bereit stehen, werden aber selbst nicht dazu gelangen. Aber wehe auch denen, die überbleiben; ’deshalb, weil‘ sie große Drangsale und viele Nöte schauen müssen, wie diese Träume zeigen. Und doch ist es ’besser‘, dies, wenn auch durch Gefahren, zu erlangen, als wie eine Wolke aus der Welt zu schwinden und die Dinge der Endzeit nicht zu sehen. 

Er antwortete mir und sprach: Ich will dir die Deutung des Gesichtes zeigen und will dir auch über deine Erwägungen Aufschluß geben. Wenn du über die Überbleibenden ’und Nicht-Überbleibenden‘ gesprochen, davon ist dies die Lösung: derselbe, der in jener Zeit die Drangsal bringt, der wird auch die in Drangsal Gefallenen bewahren, wenn sie Werke haben und Glauben an den ’Allerhöchsten und‘ Allmächtigen. So wisse also, daß die Überbleibenden bei Weitem seliger sind als die Gestorbenen. 

Die Deutung

Die Deutungen des Gesichtes sind diese: wenn du einen Mann aus dem Herzen des Meeres hast emporsteigen sehen: as ist derjenige, den der Höchste lange Zeiten hindurch aufspart, ’durch den‘ er die Schöpfung erlösen will; der wird selber unter den Übergebliebenen die neue Ordnung schaffen. Wenn du gesehen hast, wie aus seinem Munde Sturm und Feuer und Wetter hervorging, wie er kein Schwert noch eine Waffe führte ’und doch‘ den Ansturm jenes Heers, das wider ihn zu Felde zog, vernichtete, das bedeutet: siehe, Tage kommen, da der Höchste die Erdenbewohner erlösen wird. Da wird gewaltige Erregung über die Erdenbewohner fallen, daß sie Kriege wider einander planen, ’Stadt‘ gegen Stadt, Ort gegen Ort, Volk gegen Volk, Reich gegen Reich. Dann, wann dies geschieht und wann die Zeichen eintreffen, die ich dir vorausgesagt, dann wird mein Gesalbter erscheinen, den du als Mann, der emporsteigt, gesehen hast. Dann, wann alle Völker seine Stimme vernehmen, werden sie alle ihre Länder und wechselseitigen Kriege lassen; so wird sich ein unzählbares Heer an einem Punkte sammeln, wie du gesehen hast, daß sie von sich aus herankamen und ihn angriffen. — Er selbst aber wird auf den Gipfel des Zionberges treten; Zion aber wird erscheinen und allen offenbar werden, vollkommen erbaut, wie du gesehen hast, daß ein Berg ohne Menschenhände losgehauen ward. Er aber, mein Gesalbter, wird den Völkern, die wider ihn gezogen sind, ihre Sünden strafen — die sind dem Wetter gleich — ; er wird ihnen ihre bösen Anschläge und ihre künftigen Qualen vorhalten — die sind wie das Feuer —, dann wird er sie mühelos vernichten ’durch‘ sein Geheiß — das gleicht der Flamme. 

Wenn du ihn aber ein anderes, friedliches Heer zu sich hast ’rufen und‘ sammeln sehen, das sind die zehn Stämme, die aus ihrem Lande fortgeführt sind in den Tagen König Josias, ’die‘ Salmanassar, König der Assyrier, gefangen genommen hat; er brachte sie über den Fluß, so wurden sie in ein anderes Land verpflanzt. Da faßten sie selber den Plan, die Menge der Heiden zu verlassen und in ein Land, noch weiter in die Ferne zu ziehen, wo noch nie das menschliche Geschlecht gewohnt hatte, damit sie dort wenigstens ihre Satzungen bewahrten, die sie im eigenen Lande nicht gehalten. So zogen sie durch schmale Furten des Euphratflusses ein. Denn der Höchste that Wunder an ihnen und hielt die Quellen des Flusses an, bis sie hinüber waren. Zu jenem Lande ’aber‘ war der Weg anderthalb Jahre weit; das Land aber heißt Arzaret. Daselbst haben sie dann gewohnt bis in die letzte Zeit; jetzt aber, ’da sie abermals kommen sollen‘, ’wird‘ der Höchste abermals die Quellen des Flusses ’anhalten‘, damit sie herüberkönnen. Deshalb hast du ein Heer, friedlich gesammelt, gesehen. — Zugleich aber [sind es] auch diejenigen, die übergeblieben sind aus deinem Volke, die sich auf meinem heiligen Gebiete finden. Dann also, wann er das Heer der versammelten Heiden vernichten wird, wird er das Volk [Israel], so viel davon übrig ist, beschirmen. Dann wird er ihnen noch viele große Wunder zeigen. 

Da sprach ich: Höchster Gott, zeige mir, weshalb ich den Mann aus dem Herzen des Meeres habe aufsteigen sehen. Er sprach zu mir: Wie niemand erforschen noch erfahren kann, was in des Meeres Tiefen ist, so kann niemand der Erdenbewohner meinen Gesandten schauen noch seine Gefährten, es sei denn zur Stunde ’seines‘ Tags. 

Dies ist die Deutung des Traums, den du gesehen hast. Deshalb aber ist dir, dir ganz allein, dies offenbart, 

weil du das Eigene verlassen, 

dich dem Meinigen gewidmet 

und nach meinem Gesetze geforscht hast;

du verwandtest dein Leben auf Weisheit

und nanntest Vernunft deine Mutter. 

Deshalb habe ich dir dies gezeigt, denn es giebt einen Lohn bei dem Höchsten. — Nach dreien Tagen ’aber‘ will ich weiter mit dir sprechen und dir schwierige und wunderbare Dinge erklären. 

Schluß.

So ging ich von dannen und wandelte durch das Gefilde, voll Lob und Preis gegen den Höchsten, um der Wunder willen, die er zu seiner Zeit ’wirkt‘: er regiert ja die Stunden, und was in den Stunden geschieht. So blieb ich dort drei Tage. 


Kapitel 14

Siebentes Gesicht.

Die Wiederherstellung der heiligen Schriften.

Das Gebot, diese Gesichte geheim zu halten.

Am dritten Tage, als ich unter einer Eiche saß, siehe, da kam eine Stimme aus einem Dornbusch mir gegenüber hervor; die sprach: Esra, Esra! Ich sprach: Hier bin ich, Allmächtiger! Und ich erhob mich und trat auf meine Füße. Da sprach er zu mir: 

Ich habe mich schon einmal am Dornbusch offenbart und habe zu Moses geredet, als mein Volk in Ägypten dienstbar war. Damals habe ich ihn ausgesandt, ’habe‘ mein Volk aus Ägypten geführt und es dann an den Berg Sinai gebracht. Daselbst behielt ich ihn viele Tage bei mir; 

ich teilte ihm viel Wunderbares mit, 

zeigte ihm die Geheimnisse der Zeiten, 

und ’wies ihm‘ das Ende der Stunden.

Dann habe ich ihm also befohlen: Diese Worte sollst du veröffentlichen, jene geheimhalten. 

Nun aber sage ich dir: 

Die Zeichen, die ich dir offenbart, 

die Träume, die du gesehen, 

und die Deutungen, die du gehört,

die bewahre in deinem Herzen! 

Ankündigung der Entrückung

Du aber sollst aus den Menschen entrückt werden bis die Zeiten um sind. 

Denn die Welt hat ihre Jugend verloren, 

die Zeiten nähern sich dem Alter. 

Denn in zwölf Teile ist die Weltgeschichte geteilt; ’gekommen ist sie bereits zum zehnten‘, zur Hälfte des zehnten; überbleiben aber zwei nach der Hälfte des zehnten. — 

Nun also bestelle dein Haus, 

ermahne dein Volk; 

tröste seine Geringen, 

’lehre seine Weisen‘. 

Du selber entsage dem vergänglichen Leben, 

laß fahren die sterblichen Sorgen; 

wirf ab die Bürde der Menschlichkeit, 

zieh aus die schwache Natur; 

laß die quälenden Fragen beiseite 

und eile, hinüber zu wandern aus dieser Zeitlichkeit! 

Denn viel schlimmere Leiden, als die du selber erlebt hast, sollen noch geschehen. Denn je schwächer die Welt vor Alter wird, um so mehr wird der Leiden, die über ihre Bewohner ergehen. 

Die Wahrheit muß sich noch mehr entfernen 

und die Lüge sich nähern. 

Denn schon eilt der Adler heran, den du im Gesichte gesehen hast. 

Gebet um Wiederherstellung der heiligen Schriften nebst der göttlichen Antwort

Ich antwortete und sprach: ’Laß mich, Höchster, vor dir sprechen‘! Ich scheide jetzt, wie du mir befohlen, und will das Volk, das jetzt lebt, [noch einmal] unterweisen. Aber die später Geborenen, wer wird die belehren? 

Denn die Welt liegt in Finsternis, 

ihre Bewohner sind ohne Licht. 

Denn dein Gesetz ist verbrannt; so kennt niemand deine Taten, die du getan hast und die du noch thun willst. Wenn ich ’also‘ Gnade vor dir gefunden habe, so verleihe mir den heiligen Geist, daß ich alles, was seit Anfang in der Welt geschehen ist, niederschreibe, wie es in deinem Gesetze geschrieben stand, damit die Menschen deinen Pfad finden, und damit, die das ewige Leben begehren, es gewinnen können. 

Er antwortete mir und sprach: Wohlan, so versammle das Volk und sage zu ihnen, sie sollten dich vierzig Tage lang nicht suchen. Du aber mache dir viele Schreibtafeln fertig; nimm zu dir Saraja, Dabria, Selemia, Ethan und Asiel, diese fünf Männer, denn sie verstehen schnell zu schreiben, und dann komm hierher. So will ich in deinem Herzen die Leuchte der Weisheit entzünden, die nicht erlöschen wird, bis zu Ende ist, was du schreiben sollst. Wenn du aber damit fertig bist, so sollst du das Eine veröffentlichen, das Andere aber den Weisen im Geheimen übergeben. Morgen um diese Zeit sollst du mit Schreiben beginnen. 

Esras letzte Worte

So ging ich hin, wie er mit befohlen, versammelte alles Volk und sprach: Höre, Israel, diese Worte: Unsere Väter sind am Anfang Fremdlinge in Ägypten gewesen und von dort erlöst. Da empfingen sie das Gesetz des Lebens, aber hielten es nicht; und auch ihr nach ihnen habt es übertreten. Dann ward euch das Land zum Erbe gegeben im Gebiete von Zion; aber ihr und eure Väter thatet Sünde und bliebt nicht auf den Wegen, die euch der Höchste befohlen. Weil er aber ein gerechter Richter ist, nahm er euch zu seiner Zeit wieder, was er geschenkt. Und nun seid ihr an diesem Ort, und eure Brüder sind noch tiefer im Lande drinnen. 

Wenn ihr also euren Trieben Befehl gebt 

und eure Herzen in Zucht nehmt, 

so werdet ihr zu Lebzeiten bewahrt bleiben 

und nach dem Tode Gnade erlangen. 

Denn es giebt ein Gericht nach dem Tode, 

wann wir zu neuem Leben gelangen; 

da wird der Name der Gerechten kund, 

der Frevler Thaten werden offenbar. — 

Zu mir aber komme niemand; man soll mich vierzig Tage lang nicht suchen. 

Die Wiederherstellung der heiligen Schriften

So nahm ich die fünf Männer mit mir, wie er mir befohlen; wir gingen aufs Gefilde und blieben daselbst. Am folgenden Tag aber, horch, da rief mir eine Stimme zu also: 

Esra, thu den Mund auf 

und trinke, womit ich dich tränke! 

Da that ich den Mund auf, und sieh, ein voller Kelch ward mir gereicht; der war gefüllt wie von Wasser, dessenFarbe aber dem Feuer gleich war. Den nahm ich und trank; und als ich getrunken, 

entströmte meinem Herzen Einsicht, 

meine Brust schwoll von Weisheit, 

meine Seele bewahrte die Erinnerung.

Da that sich mir der Mund auf und schloß sich nicht wieder zu. Der Höchste aber gab den fünf Männern Einsicht; so schrieben sie der Reihe nach das Diktierte in Zeichen aus, die sie nicht verstanden. So saßen sie vierzig Tage: 

sie schrieben am Tage 

und aßen des Nachts ihr Brot; 

ich aber redete am Tage 

und verstummte nicht des Nachts. 

So wurden in den vierzig Tagen niedergeschrieben vierund’neunzig‘ Bücher. 

Als aber die vierzig Tage voll waren, da sprach der Höchste zu mir also: Die ’vierundzwanzig‘ Bücher, die du zuerst geschrieben, sollst du veröffentlichen, den Würdigen und Unwürdigen zum Lesen; die letzten siebenzig aber sollst du zurückhalten und nur den Weisen deines Volks übergeben. 

Denn in ihnen fließt der Born der Einsicht, 

der Quell der Weisheit, 

der Strom der Wissenschaft.

So tat ich, ’im siebenten Jahre der sechsten Woche, 5000 Jahre 3 Monate 12 Tage nach der Schöpfung der Welt‘. 

Schluß des Buches

Damals ist Esra entrückt und an die Stätte seiner Genossen aufgenommen worden, nachdem er dies Alles geschrieben. ’Er heißt der Schreiber der Wissenschaft des Höchsten in Ewigkeit‘



Quelle : Das vierte Buch Esra, Emil Kautzsch (1900) - gemeinfreier Text - : Zur Mehrung des (Gesamt-) Verständnisses wird empfohlen das ganze Buch zu lesen und den Worten der Propheten Gottes zu glauben sowie den Gott Israels um Leitung und Erkenntnis zu bitten und anzurufen. 

Mögliche Bezugsquellen : Freier Download im Internet, Bibliotheken (z.B. Staats-, Stadt- oder Universitätsbibliotheken).

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