Gottesfurcht

Ist der Angang der Erkenntnis


- Das vierta Buch Esra - 

Kapitel 7

Die arge Welt ist der notwendige Durchgang für die kommende gute.

Als ich diese Worte beendet, kam der Engel zu mir, der schon in den früheren Nächten zu mir gesandt war. Der sprach zu mir: Stehe auf, Esra, und höre die Worte, die ich gekommen bin zu dir zu reden. Ich sprach: Rede, Herr! Er sprach zu mir: Es giebt ein Meer, das liegt in der Weite, so daß es sich rings in die Breite erstreckt; der Eingang aber dazu ’liegt‘ in der Enge, so daß er wie ein Fluß aussieht. Wenn ’nun' jemand in das Meer kommen will, es zu besehen oder zu ’befahren‘, wie wird der die Weite erreichen, wenn er nicht vorher die Enge durchschifft hat? — Oder ein anderes Gleichnis: Es giebt eine ’erbaute‘ Stadt, die ist in einer Ebene gelegen und ist alles Guten voll; der Eingang aber dazu ist eng und führt an Abgründen hin, wo rechts Feuer, links tiefes Wasser droht; und nur einen einzigen Pfad giebt es zwischen beiden, zwischen Feuer und Wasser, und dieser Pfad ist so schmal, daß er nur eines Menschen Fußspur fassen kann. Wenn nun jene Stadt jemandem zum Erbteil gegeben wird, wie wird der Erbe sein Erbteil in Besitz nehmen können, wenn er nicht vorher den gefährlichen Weg dahin durchschritten hat? — Ich sprach: Gewiß, Herr! Er sprach zu mir: So ist auch Israels Teil: ihrethalb habe ich zwar das Zeitalter geschaffen; als aber Adam meine Gebote übertrat, ward die Schöpfung gerichtet: Da sind die ’Wege‘ in diesem Zeitalter schmal und traurig und mühselig geworden, ’elend‘ und schlimm, voll von Gefahren und nahe an großen Nöten; die ’Wege‘ des großen Zeitalter aber sind breit und sicher und tragen die Früchte des Lebens. Wenn die Lebenden also in diese Engen und Eitelkeiten nicht eingegangen sind, können sie nicht erlangen, was ihnen aufbewahrt ist.

Warum betrübst du dich also, ’daß‘ du vergänglich bist?

warum erregst du dich, ’daß‘ du sterblich bist? 

Warum nimmst du dir nicht die Zukunft zu Herzen, sondern nur die Gegenwart?

Das Schicksal der Sünder. Das Schicksal der Sünder ist traurig, aber wohlverdient.

Ich antwortete und sprach: Höchster Gott, du hast ja in deinem Gesetze bestimmt, nur die Gerechten würden dies Erbteil bekommen, aber die Gottlosen sollten ins Verderben gehen. So können die Gerechten die Enge wohl ertragen, da sie die Weite hoffen; die Gottlosen aber haben die Enge erduldet und werden die Weite nicht sehen!

Er sprach zu mir:

’Du‘ bist doch kein Richter über Gott

und kein Weiser über den Höchsten?

Mögen lieber die Meisten der Lebenden ins Verderben gehen, als ’daß‘ Gottes Gebot und Vorschrift verachtet werde! Denn Gott hat den Lebenden, sobald sie zum Leben kamen, feierlich erklärt, was sie tun sollten, um das Leben zu erwerben, und was sie halten sollten, um nicht der Strafe zu verfallen. Sie aber waren ungehorsam und widersprachen ihm; 

sie erdachten sich eitle Gedanken und ersannen sich ruchlose Lügen; 

dazu behaupteten sie, daß der Höchste nicht sei, und kümmerten sich um seine Wege nicht; sein Gesetz verachteten sie, seine Bündnisse leugneten sie; seinen Geboten glaubten sie nicht, seine Werke vollbrachten sie nicht. Darum, o Esra, Eitles den Eitlen, Fülle den Vollkommenen!

Das Weltgericht. 

Denn siehe, Tage kommen, wann die Zeichen, die ich dir früher gesagt, eintreffen, da wird die ’unsichtbare‘ Stadt erscheinen und das verborgene Land sich zeigen; 

und jeder, der aus den Plagen, die ich dir vorausgesagt, gerettet ist, der wird meine Wunder schauen. Denn mein Gesandter, wird sich offenbaren samt allen bei ihm und wird den Übergebliebenen Freude geben, 400 Jahre lang. Nach diesen Jahren wird mein Gesandter sterben und alle, die Menschenodem haben. Dann wird sich die Welt zum Schweigen der Urzeit wandeln, sieben Tage lang, wie im Uranfang, so daß niemand überbleibt. Nach sieben Tagen aber wird das Zeitalter, das jetzt schläft, erwachen und die Vergänglichkeit selber vergehen. 

Die Erde giebt wieder, die darinnen ruhen, der Staub ’läßt los‘, die darinnen schlafen, 

die Kammern erstatten die Seelen zurück, die ihnen anvertraut sind. — Der Höchste erscheint auf dem Richterthron:

’dann kommt das Ende‘, 

und das Erbarmen vergeht, 

’das Mitleid ist fern‘, 

die Langmut verschwunden; 

mein Gericht allein wird bleiben, 

die Wahrheit bestehen, 

der Glaube triumphieren;

der Lohn folgt nach, 

die Vergeltung erscheint: 

die guten Thaten erwachen, 

die bösen schlafen nicht mehr. — 

Dann erscheint die Grube der Pein 

und gegenüber der Ort der Erquickung; 

der Ofen der Gehenna wird offenbar 

und gegenüber das Paradies der Seligkeit. 

Da wird der Höchste sprechen zu den Völkern, die erweckt sind: 

Nun schaut und erkennet den, den ihr geleugnet, 

dem ihr nicht gedient, dessen Gebote ihr verachtet! 

Schaut nun hinüber und herüber: 

hier Seligkeit und Erquickung, 

dort Feuer und Pein!

Diese Worte ’wird er‘zu ihnen am Tage des Gerichts sprechen. —

Jener Tag ist so,

daß er Sonne nicht hat, nicht Mond, nicht Sterne, 

nicht Wolken, nicht Donner, nicht Blitz;

nicht Wind, nicht Regen, nicht Nebel;

nicht Dunkel, nicht Abend, nicht Morgen;

nicht Sommer, nicht Frühling, nicht Hitze;

nicht Winter, nicht Eis, nicht Frost; 

nicht Hagel, nicht Wetter, nicht Tau;

nicht Mittag, nicht Nacht, nicht Dämmerung; 

nicht Glanz, nicht Helle, nicht Leuchten,

sondern ganz allein den Glanz der Herrlichkeit des Höchsten, wobei alle das schauen können, was ihnen bestimmt ist. Jener Tag dauert eine Jahrwoche. So ist mein Gericht und seine Ordnung; dir allein habe ich dies kundgethan.

Traurig ist, daß der Geretteten so wenig sind; aber diese Wenigen sind um so kostbarer.

Ich antwortete und sprach: Schon einmal, Höchster, habe ich gesagt und sage nochmals: Selig sind, die in die Welt kommen und deine Gebote halten! Aber worüber ich schon damals flehte: wer ist unter den Lebenden, der nicht gesündigt? wer unter den Weibgeborenen, der nicht deinen Bund gebrochen? Jetzt erkenne ich, daß die zukünftige Welt Wenigen Erquickung bringen ’wird‘, Vielen aber Pein. — Denn erwachsen ist in uns das böse Herz; 

das hat uns diesem entfremdet 

und der Vernichtung nahegebracht; 

’es hat uns des Todes Wege gewiesen‘ 

und des Verderbens Pfade gezeigt 

und uns vom Leben fernegefürhrt;

und dies nicht etwa wenige, nein, fast alle, die geschaffen sind! 

Er antwortete mir und sprach: Höre mir zu, so will ich dich belehren und dich nochmals zurechtweisen. Ebendeshalb hat der Höchste nicht ein Zeitalter geschaffen, sondern zwei. — Nun hast du geklagt, der Gerechten seien nicht viele, sondern wenige; der Gottlosen aber seien viele. So höre dagegen: Nimm an, du besäßest ganz wenige kostbare Steine, würdest du sie dir ’mit Blei und Thon‘ zusammenlegen ? Des Bleis aber und Thones ist viel. Ich sprach: Höchster, wie ginge das? Er sprach zu mir: Und weiter, 

frage auch die Erde, die kann dir’s sagen; 

gib ihr gute Worte, sie wird es dir künden. 

Sprich zu ihr: Du bringst Gold und Silber und Erz hervor, aber auch Eisen, Blei und Thon; Silber aber giebt es mehr als Gold, Erz mehr als Silber, Eisen mehr als Erz, Blei mehr als Eisen, Thon mehr als Blei. So erwäge nun du selber, was kostbar und wertvoll sei: wovon es viel giebt, oder was selten ’vorkommt‘? Ich sprach: Gott Israels, mein Gebieter, das Häufige ist weniger wert, das Seltene ist kostbarer. Er antwortete mir und sprach: Nun schließe aber weiter aus deinen eigenen Gedanken: Wer das Seltene besitzt, hat größere Freude als der, der die Fülle hat. So wird es auch in dem ’Gerichte‘ sein, das ich verheißen: ich will an den Wenigen, die gerettet werden, meine Freude haben – sie sind es ja, die auch schon jetzt meinen Ruhm befestigen, durch die auch schon jetzt mein Name [mit Preis] genannt wird — und will keine Trauer hegen über die Menge derer, die verloren gehn, – sie sind es ja, die auch schon jetzt 

dem Dampfe vergleichbar sind, 

dem Feuer ’ähnlich‘, 

wie Rauch geachtet:

sie haben gebrannt, geglüht, sind erloschen! 

Qual und Verantwortlichkeit der Vernunft. 

Ich antwortete und sprach: O Erde, was hast du gezeugt, wenn die Vernunft aus dem Staub entstanden ist wie jede andere Kreatur! Besser wäre es gewesen, der Staub selber wäre niemals entstanden, daß die Vernunft nicht daraus gekommen wäre. Nun aber wächst die Vernunft mit uns auf, und dadurch leiden wir Pein, daß wir mit Bewußtsein ins Verderben gehen. 

So traure der Menschen Geschlecht, 

die Tiere des Feldes mögen sich freuen! 

Mögen alle Weibgeborenen jammern, 

das Vieh aber und Wild soll frohlocken! 

Ihnen ergeht’s ja viel besser als uns; denn sie haben kein Gericht zu erwarten, sie wissen nichts von einer Pein, noch von einer Seligkeit, die ihnen nach dem Tode verheißen wäre. Wir aber, was nützt es uns, daß wir einst zur Seligkeit kommen können, aber [in Wirklichkeit] in Martern fallen? Denn alle, die geboren sind, 

sind von Gottlosigkeiten ’entstellt‘, 

voll von Sünden, 

mit Schuld beladen.

Und viel besser wäre es für uns, wenn wir nach dem Tode nicht ins Gericht müßten! 

Er antwortete mir und sprach: Ehe der Höchste die Welt schuf, Adam und alle seine Nachkommen, hat er vorher das Gericht, und was zum Gerichte gehört, bereitet. Nun aber lerne aus deinen eigenen Worten. Du sagtest ja: die Vernunft wachse mit euch auf. Ebendeshalb verfallen, die auf Erden weilen, der Pein, weil sie trotz der Vernunft, die sie doch besaßen, gottlos gehandelt, weil sie die Gebote, die sie doch erhalten, nicht beobachtet und das Gesetz, das ihnen doch gegeben, trotzdem sie es empfangen, gebrochen haben. Was werden sie beim Gericht zu sagen vermögen? Was werden sie am jüngsten Tag erwidern können? Lange genug hat doch der Höchste Langmut gehabt mit den Bewohnern der Welt — freilich nicht um ihretwillen, sondern der Zeiten wegen, die er festgesetzt hatte! 

Über die siebenfältige Pein und die siebenfältige Freude des Zwischenzustands.

Ich antwortete und sprach: Wenn ich Gnade vor dir, Gott Israels, gefunden, so zeige deinem Knecht auch dies: ob wir nach unserem Tode, wenn wir unsere Seele zurückgeben müssen, einstweilen in Frieden bewahrt werden, bis jene Zeiten kommen, in denen du die Schöpfung erneuern wirst, oder ob wir sofort der Pein verfallen? Er antwortete mir und sprach: Ich will dir auch dies offenbaren. Du aber vermenge dich nicht selbst mit den Verächtern, noch rechne dich zu denen, die gepeinigt werden. Denn du hast einen Schatz guter Werke, der dir beim Höchsten aufbewahrt bleibt; der soll dir freilich erst am jüngsten Tag offenbar werden. 

Über den Tod aber habe ich dir zu sagen: wenn der entscheidende Spruch von dem Höchsten ergeht, daß der Mensch sterben soll, 

wo sich der Geist vom Körper trennt

und zu dem zurückkehrt, der ihn gegeben hat, 

um zunächst vor der Herrlichkeit des Höchsten anzubeten: hat er nun zu den Verächtern gehört, 

die die Wege des Höchsten nicht bewahrt, 

die sein Gesetz verschmäht 

und die Gottesfürchtigen gehaßt,

solche Seelen gehen nicht in die Ruhekammern ein, sondern müssen sogleich qualvoll umherschweifen, unter ständigem Seufzen und Trauern, in siebenfältiger Pein. 

Die erste Pein ist, daß sie des Höchsten Gesetz verachtet; die zweite, daß sie die wahre Buße zum Leben nicht mehr tun können; die dritte, daß sie den Lohn sehen, der denen aufbewahrt ist, die des Höchsten Zeugnissen geglaubt haben; die vierte, daß sie die Pein schauen, die ihnen selbst für die letzte Zeit ’bevorsteht‘; die fünfte, daß sie sehen, wie Engel die Wohnungen der anderen ’Seelen‘ in tiefem Frieden bewachen; die sechste, daß sie sehen, daß sie schon jetzt in die Pein hinüber müssen; die siebente, schlimmer als alle genannten Martern, 

daß sie vor Scham vergehen, 

’vor Angst‘ sich verzehren 

und vor Furcht erschlaffen,

daß sie die Herrlichkeit des Höchsten schauen müssen, vor dem sie im Leben gesündigt, und von dem sie am jüngsten Tage gerichtet werden sollen! 

Denen aber, die des Höchsten Wege bewahrt haben, gilt diese Ordnung, wenn sie sich trennen dürfen von diesem sterblichen Gefäß. Damals, als sie noch darinnen lebten, haben sie dem Höchsten unter Mühsalen gedient und haben stündlich Gefahren erduldet, um das Gesetz dessen, der es gegeben, vollkommen zu halten. Deshalb gilt ihnen diese Verheißung: Zuerst schauen sie mit lautem Frohlocken die Herrlichkeit dessen, der sie zu sich nimmt; dann gehen sie in die Ruhe ein zu siebenfacher Freude. Die erste Freude ist, daß sie in schwerem Streite gekämpft haben, den ihnen anerschaffenen bösen Sinn zu besiegen, daß er sie nicht vom Leben zum Tode verführe; die zweite, daß sie die wirren Wege schauen, auf denen die Seelen der Gottlosen umherirren müssen, und die Strafe, die ’jener‘ harrt. Die dritte, daß sie das Zeugnis sehen, das ihr Schöpfer ihnen bezeugt hat, daß sie im Leben das Gesetz, das ihnen anvertraut war, gehütet haben; die vierte, daß sie die Ruhe kennen, die sie schon jetzt, in ihren Kammern versammelt, unter dem Schutze von Engeln in tiefem Frieden genießen dürfen, und die Herrlichkeit, die ihrer zuletzt noch wartet. Die fünfte, daß sie frohlocken, jetzt der Vergänglichkeit entflohen zu sein und die Zukunft zu ererben; ferner, daß sie auf die Enge und die vielen Mühsale hinblicken, wovon sie erlöst sind, und auf die Weite, ’die‘ sie ererben sollen in seliger Unsterblichkeit. Die sechste, daß ihnen gezeigt wird, wie ihr Antlitz einst wie die Sonne leuchten soll, und wie sie dem Sternenlichte gleichen sollen, von nun an [wie diese] nicht mehr vergänglich. Die siebente Freude, höher als alle genannten, ist die, daß

sie zuversichtlich frohlocken, 

sicher vertrauen

und furchtlos sich freuen;

denn sie eilen herzu, das Antlitz dessen zu schauen, dem sie im Leben gedient, und von dem sie Lob und Lohn empfangen sollen. Das sind die Freuden der Seelen der Gerechten, die ihnen schon für jetzt verheißen sind; die Martern aber, von denen ich sprach, sind es, denen die Sünder schon jetzt verfallen. — 

Ich antwortete und sprach: Es wird also den Seelen, nachdem sie sich von ihren Leibern getrennt haben, eine Frist verstattet, das zu schauen, was du mir geschildert hast? Er sprach zu mir: Sieben Tage haben sie Freiheit, um sich in diesen sieben Tagen das, wovon ich gesprochen, zu betrachten; darnach werden sie in ihre Kammern versammelt.

Gibt es Fürbitte beim jüngsten Gericht?

Ich antwortete und sprach: Wenn ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, so zeige mir, deinem Knechte, noch dies: ob die Gerechten am Tage des Gerichts für die Gottlosen eintreten und beim Höchsten für sie bitten dürfen: Väter für Söhne, Söhne für die Eltern, Brüder für Brüder, Verwandte für ihre Vettern, Freunde für ihre Genossen? Er antwortete mir und sprach: Weil du Gnade vor meinen Augen gefunden hast, so will ich dir auch dies zeigen. Der Tag der Entscheidung ist ’wie der Gerichtsbote‘ und zeigt allen das Siegel der Wahrheit. Wie schon jetzt kein Vater den Sohn, kein Sohn den Vater, kein Herr den Knecht, kein Freund den Genossen senden kann, daß er für ihn ’krank sei‘, schlafe, esse oder sich heilen lasse, so wird ’auch dann‘ keineswegs jemand für irgend wen bitten ’noch jemanden anklagen‘ dürfen; dann trägt ein jeder ganz allein seine Ungerechtigkeit oder Gerechtigkeit. 

Ich antwortete und sprach: Wie finden wir aber jetzt geschrieben, daß schon Abraham für die Leute von Sodom gebetet hat, Mose für unsere Väter, als sie in der Wüste sündigten, Josua nach ihm für Israel in den Tagen Achans, Samuel ’in den Tagen Sauls‘, 

David wegen der Plage, Salomo für die, die am Heiligtume [beten], Elias für die, die den Regen empfingen, und für den Toten, daß er lebe, Hiskia für das Volk in den Tagen Sanheribs und viele andere für viele? Wenn also jetzt, da die Verderbnis gewachsen und der Ungerechtigkeit viel geworden ist, Gerechte für Sünder gebetet haben, warum kann das nicht auch dann geschehen? — Er antwortete mir und sprach: Die gegenwärtige Welt ist nicht das Ende, ihre Herrlichkeit bleibt ’nicht‘ beständig; deshalb haben Starke für Schwache beten dürfen. Der Tag des Gerichts aber ist das Ende dieser Welt und ’der Anfang‘ der kommenden ewigen Welt; darinnen ist 

die Verderbnis vorüber, 

die Zuchtlosigkeit ausgetrieben, 

der Unglaube vertilgt;

die Gerechtigkeit aber erwachsen 

und die Wahrheit entsprossen. 

Dann also wird sich niemand dessen erbarmen dürfen, der im Gericht unterlegen ist, noch den stürzen können, der dann obgesiegt hat. 

Was nützt den Sündern die Verheißung? Aber sie haben ihr Geschick verdient.

Ich antwortete und sprach: Dies bleibt mein erstes und letztes Wort: Besser wäre es, die Erde hätte Adam nie hervorgebracht, oder sie hätte ihn wenigstens von der Sünde ferngehalten. Denn was hilft es uns allen, daß wir jetzt in Trübsal leben müssen und nach dem Tode noch auf Strafe zu warten haben? Ach Adam, was hast du gethan! Als du sündigtest, kam dein Fall nicht nur auf dich, sondern auch auf uns, deine Nachkommen! Denn was hilft es uns, daß uns die Ewigkeit versprochen ist, wenn wir Werke des Todes gethan haben? daß uns eine unvergängliche Hoffnung verheißen ist, wenn wir so traurig der Eitelkeit verfallen sind? daß uns Stätten voll Genesung und Frieden bereitet sind, wenn wir im Elend dahingegangen sind? daß einst des Höchsten Herrlichkeit die beschirmen soll, die sich rein erhalten haben, wenn wir auf schändlichen Wegen gewandelt haben? daß das Paradies erscheinen soll, dessen Früchte ewig bleiben, die Sättigung und Heilung verleihen, wenn wir doch niemals hineinkommen, weil wir an scheußlichen Orten verweilt haben? daß das Antlitz der Reinen heller als Sonnenglanz strahlen wird, wenn unser eigenes Antlitz finsterer sein wird als die Nacht? Denn ach, wir haben im Leben, da wir Sünde taten, der Leiden nicht gedacht, die uns nach dem Tode bevorstehen! 

Er antwortete und sprach: Das ist der Sinn des Kampfes, den jeder kämpfen muß, der auf Erden als Mensch geboren ist, daß er, wenn besiegt, zu leiden hat, wovon du gesprochen; siegt er aber, so empfängt er, was ich dir ’verkündet‘. Denn das ist der Weg, von dem schon Mose, als er noch lebte, zum Volke gesagt hat: Wähle dir das Leben, daß du Leben habest! Sie glaubten ihm aber nicht, noch den Propheten nach ihm, noch auch mir selber, der ich zu ihnen gesprochen. Deshalb ’wird‘ keine Trauer sein über ihren Untergang, sowie Freude herrschen wird über ’das Heil der Gläubigen‘. 

Bedenken gegen die Verdammnis so vieler, vom Gottesbegriff aus. Wie verträgt sich die Verdammnis so vieler Menschen mit Gottes Erbarmen?

Ich antwortete und sprach: Gott Israels, ich weiß doch, daß der Höchste gegenwärtig der Barmherzige heißt, weil er sich derer erbarmt, die noch nicht in die Welt gekommen sind, der Gütige, weil er gegen die, die nach seinem Gesetze wandeln, gütig ist; der Langmütige, weil er den Sündern als seinen Geschöpfen Langmut erweist; der Mildthätige, weil er lieber schenken als fordern will; der Gnadenreiche, weil er gegen Lebende, Vergangene und Zukünftige an Gnaden so reich ist; und wäre er es nicht, so käme die Welt samt ihren Bewohnern niemals zum Leben; der Freundliche, denn wenn er nicht freundlich verstattete, daß die Sünder ihrer Sünden los und ledig würden, so könnte nicht der zehntausendste Teil der Menschen zum Leben gelangen; und der ’Verzeihende‘, ’denn‘ wenn er nicht den Geschöpfen seines Wortes verziehe und die Fülle ihrer Übertretungen tilgte, so würden vielleicht aus der unzählbaren Menge überbleiben nur ganz wenige! 

Kapitel 8

Er antwortete mir und sprach: Diese Welt hat der Höchste um vieler willen geschaffen, aber die zukünftige nur für wenige. Ich will dir ein Gleichnis sagen, Esra. Wenn du die Erde fragst, so wird sie dir sagen, daß sie viel mehr Thon hervorbringt, woraus man Geschirr macht, aber ganz wenig Staub, woraus Gold wird. So ist auch diese Welt geordnet: viele sind geschaffen, wenige aber gerettet!

Wie kann Gott sein so mühsam gebildetes Geschöpf dem Verderben preisgeben?

Ich antwortete und sprach : 

Meine Seele schlürfe Vernunft, 

’mein Herz‘ schlinge Verstand! 

Du bist ’ungefragt‘ gekommen 

und ’mußt‘ wider Willen scheiden, 

denn Freiheit ist dir nur gegeben eine kurze Lebenszeit. — Ach Gott Israels, der über uns waltet, gestatte deinem Knechte, vor dir ’zu beten‘; gieb Samen in unser Herz und unserer Vernunft Pflege, daß Frucht erwachse, damit zum Leben gelangen alle Sterblichen, die Menschen-’bild‘ ’getragen‘. Denn du bist der Einzige, und wir sind das einzige Gebilde, ’das Werk‘ deiner Hände, wie du selbst gesagt hast. 

Jetzt gibst du ja unserem Leibe, den du im Mutterleibe bildest, das Leben und verleihst ihm seine Glieder: in Feuer und Wasser wird dein Geschöpf erhalten; neun Monate trägt dein Gebilde das Geschöpf, das du darinnen geschaffen hast. Das Verwahrende selbst aber und das Verwahrte, beide ’werden‘ durch deine Verwahrung verwahrt. Und wenn die Mutter zurückgibt, was darinnen erschaffen ist, so hast du ihren eigenen Gliedern, d. h. den Brüsten, befohlen, Milch, das Erzeugnis der Brüste, darzubieten, damit dein Geschöpf gewisse Zeit lang genährt werde. 

Dann ’hast‘ du ihm Leitung gegeben ’in‘ deiner Barmherzigkeit 

und Nahrung ’in‘ deiner Gerechtigkeit; 

Unterricht durch dein Gesetz 

und Belehrung in deiner Weisheit. 

Du magst es töten, es ist ja dein Geschöpf; 

oder es am Leben erhalten, es ist ja dein Werk! 

Wenn du aber, was unter so vielen Mühen gebildet ist, durch deinen Befehl mit einem raschen Worte zu nichte machst, wozu ist es dann überhaupt entstanden? — 

Doch ich will zugeben: was die Menschen alle betrifft, magst du es besser wissen; aber was angeht 

dein Volk, das mir leid thut, 

dein Erbe, um das ich klage, 

Israel, für das ich traure, 

den Samen Jakobs, um den ich sorge! 

Darum will ich anheben, vor dir für mich und sie zu beten; denn ich sehe uns alle, die wir auf Erden leben, tief in Sünden und habe ’jetzt‘ von dem Ernste des kommenden Gerichts gehört. 

Deshalb höre meine Stimme, 

merke auf meine Worte 

und laß mich vor dir reden!

Das Gebet Esras um Erbarmen und die göttliche Antwort. 

Ewiger Gott, der du im Himmel wohnst, 

dessen Augen hoch oben, 

dessen Gemach in den Lüften;

dessen Thron ’unbeschreibbar‘, 

dessen Herrlichteit unfaßbar; 

vor dem der Engel Heer mit Zittern steht, 

deren Chor sich wandelt in Sturm und Feuer; 

dessen Wort fest bleibt, 

dessen Befehle gültig, 

dessen Gebot gewaltig, 

dessen Geheiß gefürchtet; 

dessen Blick die Tiefen vertrocknet, 

dessen Dräuen die Berge zerschmilzt; 

dessen Wahrheit ’ewig bleibt‘, — 

erhöre deines Knechtes Gebet,

vernimm mit den Ohren das Flehn deines Gebildes 

und merke auf meine Worte!

Denn solange ich lebe, muß ich reden, 

solang ich denken kann, erwidern. — 

Schau nicht auf deines Volkes Sünden, 

sondern auf die, die dir wahrhaft gedient; 

blicke nicht auf die Taten der Frevler, 

sondern auf die, die deine Bündnisse in Leiden bewahrt; 

gedenke nicht derer, die vor dir mit Trug gewandelt, 

sondern halt im Gedächtnis, die sich um deinen Dienst von Herzen gekümmert; 

richte die nicht zu Grunde, die wie das Vieh dahingelebt, 

sondern nimm dich derer an, die dein Gesetz lauter gelehrt; 

zürne nicht denen, die schlimmer als Tiere erachtet sind, 

sondern beweise denen deine Liebe, die allezeit deiner Herrlichkeit vertraut. — 

Denn wir und unsere Väter haben in Werken des Todes dahingelebt, du aber bist gerade, weil wir Sünder sind, der Barmherzige genannt. Denn gerade weil wir nicht Werke der Gerechtigkeit haben, wirst du, wenn du einwilligst, uns zu begnadigen, der ’Gnädige‘ heißen. Denn die Gerechten, denen viele Werke bei dir bewahrt sind, werden aus eigenen Werken den Lohn empfangen. — 

Was ist ’aber‘ der Mensch, daß du ihm zürnen solltest, 

was das sterbliche Geschlecht, daß du ihm so grollen könntest? 

Denn in Wahrheit 

niemand ist der Weibgeborenen, der nicht gesündigt, 

niemand der ’Lebenden‘, der nicht gefehlt. 

Denn dadurch wird deine Gerechtigkeit und Güte, o Gott, offenbar, daß du dich derer erbarmst, die keinen Schatz von guten Werken haben. 

Er antwortete mir und sprach: Manches hast du richtig gesagt, und es soll geschehen, wie du gesprochrn. Denn wirklich will ich mich nicht kümmern um das, was die Sünder sich bereitet haben, um Tod, Gericht und Verderben, sondern vielmehr will ich mich an dem erfreuen, was die Gerechten sich erworben, an ’Heimkehr‘, Erlösung und Lohnempfang. Also wie ’du‘ gesprochen hast, so ist es. 

Der Mensch gleicht dem Samen des Landmanns.

Denn wie der Landmann vielen Samen auf die Erde sät und eine Menge Pflanzen pflanzt, aber nicht alles Gesäte zur Zeit bewahrt bleibt und nicht alles Gepflanzte Wurzel schlägt, so werden auch die, die in der Welt gesät sind, nicht alle bewahrt bleiben. 

Ich antwortete und sprach: Wenn ich Gnade vor dir gefunden, so laß mich reden! Der Same des Landmanns, wenn er deinen Regen nicht zur rechten Zeit bekommen hat und also nicht aufgegangen ist, oder wenn er durch zu viel Regen verdorben ist, geht freilich so zu Grunde; aber ’das Menschenkind‘, das durch deine Hände gebildet, das dein Ebenbild genannt ist, weil es ’dir‘ gleich geschaffen ist, ’um dessentwillen‘ du alles geschaffen hast, das hast du dem Samen des Landmanns gleichgestellt?! — Nein Höchster, unser Gott,

schone dein Volk, 

erbarme dich deines Erbes, 

du hast ja Mitleid mit deinem Geschöpf! 

Die göttliche Antwort: Du gehörst zu den Seligen; denk an deine eigene Seligkeit und vergiß die Sünder, die ihr Schicksal verdient haben! 

Er antwortete und sprach: 

Heute den Heutigen, 

Einst den Einstigen! 

Denn viel fehlt dir, daß du meine Schöpfung mehr lieben könntest als ich 

Du aber hast dich oft den Sündern gleichgestellt; nimmermehr! Vielmehr wirst du auch darum vor dem Höchsten Ruhm empfangen, weil du dich, wie dir zukommt, erniedrigt und dich nicht zu den Gerechten gezählt hast; deß wirst du um so größere Ehre haben ’Denn durch viele schlimme Demütigungen‘ müssen in der letzten Zeit die Erdenbewohner gedemütigt werden, weil sie in schlimmem Übermute gewandelt sind. Du aber denke lieber ’an dein eigenes Los‘ und forsche nach Herrlichkeit, die deine Brüder ererben sollen. Denn für euch ist 

das Paradies eröffnet, 

der Lebensbaum gepflanzt; 

der zukünftige Zeitalter zugerüstet, 

die Seligkeit vorher bestimmt; 

die Stadt erbaut, 

die Heimat auserwählt; 

die guten Werke geschaffen, 

die Weisheit bereitet; 

der Keim vor euch versiegelt, 

die Krankheit vor euch getilgt; 

’der Tod‘ verborgen, 

der Hades entflohen; 

die Vergänglichkeit vergessen, 

die Schmerzen vorüber; 

aber des Lebens Schätze sind euch am Ende offenbar. — 

So forsche nicht weiter nach der großen Zahl derer, die ins Verderben gehen; denn sie haben aus eigenem freiem Entschluß 

den Höchsten verachtet, 

sein Gesetz verworfen, 

seine Wege verlassen,

dazu seine Frommen zertreten; und haben in ihren Herzen gesprochen, es sei kein Gott; und alles dies, obwohl sie sehr wohl wußten, daß sie sterben müßten. ’Deshalb‘, wie euer die Verheißungen warten, so ihrer Durst und Pein, die ihnen bereitet sind. Denn nicht der Höchste hat gewollt, daß Menschen verloren gehen; vielmehr die Geschöpfe selber haben den Namen deß, der sie doch geschaffen, verunehrt und Undankbarkeit bewiesen gegen den, der ihnen doch das Leben bereitet hat. Deshalb naht mein Gericht jetzt bald heran. — Dies habe ich nicht vielen kundgethan, sondern nur dir und wenigen dir Gleichen. 

Die Endvollendung und ihre Zeichen.

Ich antwortete und sprach: Du hast mir, Höchster, eine Fülle von Zeichen bereits offenbart, die du in der letzten Zeit tun willst, hast mir aber nicht offenbart, zu welcher Zeit. 

Kapitel 9

Er antwortete mir und sprach: Das ermiß du bei dir selber; und wenn du siehst, daß ein Teil der angekündigten Zeichen vorüber ist, dann wirst du erkennen, daß nun die Zeit gekommen ist, da der Höchste die Welt, die er geschaffen hat, heimsuchen will. Wenn in der Welt erscheinen werden 

Empörung in den Ländern, 

Verwirrung in den Völkern, 

Anschläge unter den Nationen;

Unruhen unter den Fürsten, 

Gährung unter den Herrschern, 

dann wirst du erkennen, daß dies die Dinge sind, über die der Höchste seit den Tagen geredet hat, die im Anfange zuvor gewesen sind. ’Denn wie alles, was in der Welt geschehen ist, einen [verborgenen] Anfang hat im Wort, aber ein offenkundiges Ende, so sind auch des Höchsten Zeiten: ihr Anfang in Wort und Vorzeichen, ihr Ende aber in Thaten und Wundern‘. Alle aber, die dann gerettet sind, und die dann haben entrinnen können, um ihrer Werke willen oder des Glaubens wegen, den sie bewahrt haben, die sind es, die aus allen Gefahren, die ich dir verkündet, überbleiben: die werden mein Heil schauen in meinem Land und auf meinem Gebiet, das ich mir seit Ewigkeit her geheiligt. Dann lernen Ehrfurcht, die jetzt meine Wege mißachtet; dann weilen sie selber in den Martern, die sie verachtet und verspottet haben. Denn alle, die mich im Leben nicht erkannt, als sie noch Wohlthaten von mir empfingen, die mein Gesetz verschmäht, als sie noch die Freiheit hatten, die die Thür der Buße, die ihnen damals noch offenstand, nicht bedacht, sondern verschmäht, die sollen nach dem Tode zur Erkenntnis kommen. 

Du also frage nicht weiter, wie die Gottlosen gemartert, sondern forsche darüber, wie die Gerechten erlöst werden sollen, wem das Zeitalter gehöre, um wessentwillen er sei und zu welcher Zeit. 

Nochmals das traurige, aber wohlverdiente Los der Sünder.

Ich antwortete und sprach: Einst habe ich gesagt und sage jetzt und werde immer wieder sagen: 

Mehr sind der Verlorenen als der Erlösten, 

wie die Flut mehr ist als ein Tropfen! 

Er antwortete mir und sprach: 

Wie der Boden, so die Saat, 

wie die Blumen, so die Farbe; 

wie die Arbeit, so das Werk; 

wie der Landmann, so die Ernte. — 

Denn es gab eine Zeit im Zeitalter — da bereitete ich dem gegenwärtigen Geschlecht, ’das damals noch nicht da war', die Welt zur Wohnung; und damals widersprach mir niemand, denn niemand war vorhanden. Nun aber sind sie, die ich gesetzt hatte in diese Welt, die ich bereitet hatte, an einen ewigen Tisch, auf eine geheimnisvolle ’Weide‘, die sind in 'all’ ihrem Thun entartet. 

Da schaute ich meine Welt an: siehe, sie war verderbt; 

und meine Erde: siehe, sie war in Gefahr 

der Anschläge ’derer‘ wegen, die darein gekommen waren. Das sah ich und verschonte davon mit Müh’ und Not und rettete eine Beere aus der ganzen Traube und einen Sproß aus dem großen ’Walde‘. So gehe nun dahin die Menge, die für nichts geboren ist; gerettet aber bleibe meine Beere, mein Sproß, die ich mit vieler Mühsal bereitet! 


Quelle : Das vierte Buch Esra, Emil Kautzsch (1900) - gemeinfreier Text - : Zur Mehrung des (Gesamt-) Verständnisses wird empfohlen das ganze Buch zu lesen und den Worten der Propheten Gottes zu glauben sowie den Gott Israels um Leitung und Erkenntnis zu bitten und anzurufen. 

Mögliche Bezugsquellen : Freier Download im Internet, Bibliotheken (z.B. Staats-, Stadt- oder Universitätsbibliotheken).

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