Über die Einfalt
Ich wuchs heran, ihr, meine Kinder, und wandelte in Herzenseinfalt und ward der Landwirt meines Vaters, meiner Brüder, und trug zur rechten Zeit die Früchte von den Feldern heim. Mein Vater gab mir seinen Segen; er sah, dass ich in Einfalt wandelte. Bei meiner Arbeit war ich niemals Vorwitzig noch neidisch, boshaft gegen meinen Nebenmenschen. Ich schmähte keinen, sprach keinen Tadel über einen Lebenswandel aus; ich wandelte in Einfalt meiner Augen. Deshalb nahm ich mit dreißig Jahren mir ein Weib; die schwere Arbeit zehrte ja an meiner Kraft. Ich dachte nicht beim Weibe an die Lust; ermüdet schlief ich ein. Mein Vater freute allzeit sich an meiner Einfalt. Die Erstlingsfrüchte gab ich durch den Priester all dem Allerhöchsten, dann meinem Vater. So ließ der Allerhöchste zehntausendfach in meiner Hand den Segen wachsen. Mein Vater Jakob wusste auch, dass meiner Einfalt Gott zu Hilfe kam. Denn jedem Armen und Bedrängten gab ich des Landes Güter in Herzenseinfalt.
Nun hört mich, meine Kinder, und wandelt in des Herzens Einfalt! Ich sehe ja: Des Allerhöchsten ganzes Wohlgefallen ruht darauf. Nach Gold fragt nichts der Einfache und übervorteilt nicht den Nächsten, will nichts von mannigfachen Leckerbissen wissen; an kostbarer Gewandung hat er keine Freude. Er wünscht sich nicht ein langes Leben; er wartet nur auf Gottes Willen. Des Irrtums Geister haben über einen solchen keine Macht. Er schaut nicht auf die Weiberschönheit hin, lässt sich nicht durch Verdrehung den Verstand beflecken. In seinen Sinn kommt niemals Neid und Mißgunst, läßt nicht seine Seele siechen, noch härmt er sich mit Wünschen, unersättlich, ab. Er wandelt in der Seele Einfalt und sieht in Biederkeit des Herzens alles. Dem Schlechten, das dem Irrtum in der Welt entspringt, gönnt er nicht einen Blick. Er will nicht die Verdrehung von irgendeinem der Gebote Gottes sehen. Bewahrt das göttliche Gesetz deswegen, meine Kinder! Strebt nach der Einfalt! Wandelt in der Unschuld! Bekümmert euch doch nicht um eures Nächsten Arbeit! Liebt nur den Allerhöchsten und euren Nächsten! Habt Mitleid mit den Schwachen und den Armen! Beugt euren Nacken für den Ackerbau! Müht euch mit allen Feldarbeiten ab! Und bringt dem Allerhöchsten mit Danke Gaben dar! Mit Erstlingen des Feldes segnet euch der Allerhöchste, so, wie er alle Heiligen gesegnet von Abel bis auf heute. Kein anderer Erbteil ist dir ja gegeben als Fruchtbarkeit des Bodens. Ihm können aber nur durch Mühe die Früchte abgewonnen werden. Auch unser Vater Jakob hat mich mit des Bodens Segen, mit dem der Erstlingsfrucht gesegnet. Der Allerhöchste gab ihnen ja ein Los. Doch Levi ward mit Juda vom Allerhöchsten bei Jakobs Söhnen ausgezeichnet. Dem Levi schenkte er das Priestertum, das Königtum dem Juda. Folgt ihnen! Und wandelt in der Einfalt eures Vaters!
Letzte Ermahnungen
Wißt, meine Kinder: Es geben eure Söhne in der letzten Zeit die Einfalt auf und hängen sich der Habgier an. Sie lassen auch die Unschuld fahren und nähern die Bosheit, verlassen die Gebote des Allerhöchsten und hängen sich an Beliar. Sie lassen Ackerbau und folgen ihrem bösen Sinn. So kommen sie in die Zerstreuung unter Heiden und müssen ihren Feinden dienen. Sagt dieses euren Kindern! Wenn sie schon sündigen, so sollen sie um so schneller sich zum Allerhöchsten bekehren. Er ist barmherzig, rettet sie; sie können wieder in die Heimat ziehen. Nun bin ich 126 Jahre alt und bin mir keiner Todsünde bewusst. Ich wohnte außer meinem Weibe keinem andern bei. Ich buhlte nicht durch meine Blicke, trank keinen Wein, den irreführenden, begehrte nichts, was meines Nächsten war. In meinem Herzen war nicht Arglist und Lüge kam nicht über meine Lippen. Mit jeglichem betrübten Menschen seufzte ich; mein Brot gab ich den Armen. Ich speiste nicht allein, verrückte niemals Grenzen. Ich übte Frömmigkeit mein Leben lang und hütete die Wahrheit. Ich liebte auch den Allerhöchsten mit ganzer Kraft und jeden Menschen liebte ich wie meine eignen Kinder. So tut auch ihr, meine Kinder! Dann flieht auch jeder Geist des Beliar und böser Menschen Tat ficht euch nicht an. Ihr könnt jedes wilde Tier bezwingen, da ihr bei euch den Gott des Himmels habt; er wandelt mit den Menschen, die einfältigen Herzens sind.
Quelle : Altjüdische Schriften außerhalb der Bibel, Paul Rießler (1928), Zusammenstellung aus dem Buch "Testament der zwölf Patriarchen" - gemeinfreier Text - : Zur Mehrung des (Gesamt-) Verständnisses wird empfohlen das ganze Buch zu lesen und den Worten der Propheten Gottes zu glauben sowie den Gott Israels um Leitung und Erkenntnis zu bitten und anzurufen.
Mögliche Bezugsquellen : Freier Download im Internet, Bibliotheken (z.B. Staats-, Stadt- oder Universitätsbibliotheken).
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